Tanzsommer Bozen – Bolzano Danza

Tanzvirusinfektion bei Groß und Klein

Tanzsommer Bozen, Bozen, 16.07.2006 bis 30.07.2006

Bei der 22. Auflage von Tanzsommer Bozen – Bolzano Danza (16. - 30.7.) gibt es nicht nur mit Edith M. Wolf Perez eine neue künstlerische Leiterin der Tanzkurse, sondern es wurde auch eine eigene „kids“-Programmschiene bei den Angeboten von ihr eingerichtet. Nach Alterstufen gestaffelt (7 – 10 Jahre, 11 – 14 Jahre) umfasst das Kinderkurspaket in der 1. Woche bis zu 3 stunden Training in klassischem Ballett, Jazz und HipHop. In der 2. Woche findet Kreativer Tanz mit Ulla Wenzel statt und dazu gibt es ein extra Pädagogen-Seminar.
Zahlreiche neue PädagogInnen setzen interessante Impulse, neue Tanzstilrichtungen vervollständigen das umfangreiche Angebot des internationalen Kurs-Festivals.

Tanz zum Mitmachen für alle

Im Ballettkinderkurs bringt Elaine C. Holland den Kleinen spielerisch Gefühl für Rhythmus und Bewegung bei, statt Klavier hört man Percussion mit Gilson de Assis. Mit viel Einfühlungsvermögen und kindgerechten Erklärungen unterrichtet sie die Anfänger im Ballett. Ein ganz anders Körperbewegungsgefühl bringt den Kindern der Jazztanz nahe. Gianluca Girolami - oftmals als Assistent von Anne-Maire Porras schon in Bozen, aber erstmals als Pädagoge mit eigenen Kursen - erarbeitet die Grundbegriffe für Körpererfahrung und dynamisches Movement. Im Anschluss daran HipHop mit Fabrizio Lolli. Hier gibt es auch unter den 25 Kindern die meisten Buben in der Gruppe. Mit Engelsgeduld zeigt der Italiener mit eigener HipHop-Schule in Ferrara – auch er ist hier erstmals unter den Pädagogen (auch für die Erwachsenen) - die „coolen“ Schrittkombinationen vor. Der Musikgeschmack der jungen TeilnehmerInnen ist kritisch – u.a. Shakira ist okay.
Auffallend ist, dass es in keinem der Kurse ein Tratschen, Quengeln, Stören gibt. Bei tropischen Temperaturen in- und außerhalb der Halle arbeiten die Kleinen eifrigst mit, die Aufmerksamkeit und Konzentration hält jeweils bis zur letzten Minute.
Den etwas älteren bringt Gillian Anthony in bewährter Weise das klassische Ballett näher. Sie vermeidet den Spiegel, auch hier sorgt Percussion für besseres Rhythmusgefühl. Teil des Stundenrituals ist das Verwenden eines imaginären Fächers, der kurzfristig Abkühlung verschafft. Auch die Jugendlichen sind bei HipHop mit Nina Kripas und Jazz mit Gianluca Girolami voll motiviert. Die Österreicherin ist Absolventin der Bundestheaterballettschule und war Mitglied beim Tanztheater Wien von Liz King bzw. im Ballett der Wiener Volksoper. Ihre Vorliebe für HipHop ließ sie die Studien im Ausland vertiefen.

Das neue „Kids“-Programm als Hit

Die Kinderkurse sind der „Renner“ - alle sind voll und bleiben es auch bis zum Ende der Woche. Persönlicher Ehrgeiz, Freude am Tanz und Spaß mit Gleichgesinnten sind die Motivation – da kann draußen noch so die Sonne oder das Freibad locken. Keine Rede von Bewegungsfaulheit bei der heutigen Jugend! Die weitgreifende Tanzvirusinfektion von groß und klein bei größter sommerlicher Hitze ist jedoch keineswegs besorgniserregend, sondern dafür umso erfreulicher. Wird doch bereits im Prospekt vor den „Nebenwirkungen“ beim Tanzen gewarnt. Erhält man doch beim kreativen Umgang mit Bewegung eine schönere Haltung, einen biegsameren Körper, lernt man sich gewandt zu bewegen, werden die Koordination und Wahrnehmung verbessert sowie die Ausdrucksfähigkeit und das Selbstbewusstsein gestärkt.

Motivierte TeilnehmerInnen

Auch bei den Erwachsenen findet man entsprechende mitreissende Begeisterung und lustvolles kollektives Schwitzen, wie z.B. bei Belén Cabanes (gefühlvolle Begleitung mit der Gitarre: Andreas Maria Germek). Die Spanierin ist Flamencotänzerin und Kastagnettenvirtuosin, wirkte u.a. auch bei verschiedenen Produktionen mit José de Udaeta mit. Seit dem Vorjahr ist sie Leiterin der Abteilung für spanischen Tanz am Tanzkonservatorium in Barcelona. In Bozen unterrichtet sie erstmals, und zwar Vorbereitung Flamenco, Flamenco und spanischen Tanz mit Kastagnetten. Sie vermittelt spanische Grandezza und Temperament. Selbst einfaches Gehen wird bei ihr zu ausdrucksvollem Schreiten. Ihre Schwangerschaft hindert sie keineswegs am intensiven Einsatz in ihren Stunden – das Ungeborene ist wohl längst mit den Staccato-Schlägen der Schuhe (Zapateados) bzw. dem harten Kastagnettenklang vertraut.
Neben Gillian Anthony und Elaine C. Holland gibt erstmals Boris Nebyla Training in klassischem Ballett für Erwachsene – am Klavier hinreißend unterstützt durch Ladislaus Farkas. Der aus der Slowakei stammende Tänzer, der bereits mehrfach Unterrichtserfahrung gesammelt hat, spornte seine Damen im Kurs mit viel Charme zu Höchstleistungen an.
Bereits seit Anbeginn dabei ist Dick O´Swanborn, der Jazz und Musical unterrichtet und aus seinen „Mädchen“ innerhalb kürzester Zeit eine Truppe formt, die seine Choreographien exakt und mit viel Pep tanzen.
Bewährt sind auch die Stunden bei Anne-Marie Porras (Jazz), Bob Curtis (Afro Contemporary) und Brigitta Luisa Merki (Flamenco). Neu dazu kam Natalia Vinas Roig, die eine spannende Auseinandersetzung mit Modern Contemporary anbot (exquisite Percussion-Begleitung durch Armand Amar). Die Spanierin ist Tänzerin, Choreographin und Pädagogin. Ein ganz anderes Körperbewusstsein erlebt man bei Apollonia Holzer in Pilates und Gyrokinesis. Die Östereicherin ist Sozial- und Tanzpädagogin und gab ihr Debut im Pädagogenstaff von Bozen. Zu sanft-beruhigenden Klängen führen kleine Bewegungen zu großen Wirkungen. Unterstützt und geleitet von richtiger Atmung genießen die Kursteilnehmerinnen das sich einstellende Wohlbefinden. Während Pilates als Trainingsmethode für Dehn- und Kräftigungsübungen schon weithin beknannt ist, zählt Gyrokinesis als ganzheitliche Bewegungsschulung zur Mobilisation der Wirbelsäule noch als Geheimtipp.
In der 2. Kurswoche stoßen noch Nancy Lushington (Modern/May O´Donnell Technique), Andy Lemond (Funky Jazz, HipHop), Vicente Sàez (Zeitgenössischer Tanz) und Ivan Vasconcellos (Afro Brasil, Samba do Brasil) zum Pädagogenteam. Neu sind Carole Alston (Musical, Jazz), Amoura (Orientalischer Tanz) und Rosy Néri-Calheiros (Latin Jazz).
Die gelungene Mischung aus Innovation und Bewährtem ließ auch diesmal wieder die Kurse bei Tanzsommer Bozen – Bolzanao Danza zum Riesenerfolg werden. Insgesamt 10 % mehr TeilnehmerInnen als im Vorjahr sprechen für dieses Konzept. Neben Vielen, die erstmals hierher kamen, gibt es auch einen „harten Kern“ an treuen Stammgästen, die sich einen Sommer ohne Tanz in Bozen nicht mehr vorstellen können.

Tanz zum Zuschauen

Nach der aktiven Teilnahme an den diversen Kursstunden bleibt für den Abend die Möglichkeit, das Festivalprogramm im Stadttheater zu besuchen oder sich am Rahmenprogramm – z.B. im Festival-Cafe zu erfreuen.
Waren in den vergangene Jahren die „Reisen durch die internationale Tanzwelt“ Thema in Bozen, so wollen die Organisatoren jetzt verstärkt auf Co-Produktionen setzen.
Den Anfang machte also „Illuminata“ von Ismael Ivo, das erst kurz davor in Venedig bei der Biennale uraufgeführt worden war (siehe Kritik zur UA)und eine Kooperation mit dem Tanzsommer Bozen ist. Der Vorstellungsbeginn verzögerte sich um gute 20 Minuten, weil erst der zu intensiv gereinigte Boden im Zuschauerraum zu gefährlich glatt für die Tänzer war und so nachträglich durch Behandlung mit CocaCola wieder „klebrig“ gemacht werden musste. In seinem neuesten Stück verarbeitet der brasilianische Tänzer und Choreograph eigene Erfahrungen an der schwelle zum Tod nach einem schweren Unfall. Als Musik wurde dafür von Arnaldo de Felice eine sehr spröde, aber eindrucksvolle Komposition geschaffen. Man hört die Stimme von Ismael Ivo, wie er über seine Gefühle und Erlebnisse im Operationssaal spricht. Gleichzeitig sieht man ihn reglos auf einem weißen (Eis)Block liegen. Dann bricht plötzlich die Bewegung aus ihm heraus. 4 junge Tänzer von crystal:d (Adamo Dias, Marco Delle Doglie, Orestes Hellewegen und Gregory Livingston) vervielfältigen seine Aussagen im Tanz. Zuerst in Anzüge mit Pelzkrägen gekleidet, später in knappen weißen Slips (Kostüme: Gabriele Frauendorf), fungieren sie als Bewegungszwillinge bzw. Alter Ego gleichermaßen. Ihre Atmung ist z.T. mikrofonverstärkt als „Musik“ der Motor zur Bewegung. Verschiedentlich werden aus den Zuschauern Personen ausgewählt, die durch Auflegen der Hand auf die nackte Männerbrust den Herzschlag der Tänzer spüren sollen. In ein abgegrenztes Rechteck regnet es Sand aus Säcken auf die Darsteller. Der Bühnenhintergrund ist verspiegelt (stückgerechte Ausstattung: Marcel Kaskeline). Als sich die Spiegelwand hebt, wird das Orchester Accademia Neue Musik Bolzano unter der Leitung von Pierpaolo Maurizzi sichtbar. Die Einbeziehung der beiden Frauen (Sopranistin Sylvia Nopper und der Querflötistin Machiko Takahashi) setzt zusätzliche Akzente. Leider werden die guten Regieideen (Dramaturgie: Helge-Björn Meyer) auf endlos lange 90 Minuten zerdehnt. Mehr Prägnanz und Kürze wäre bei einem Stück zu solch sensiblem Thema aus der sehr persönlichen Sichtweise des Protagonisten für das Publikum wahrscheinlich zweckdienlicher gewesen.
Als sehr geglückt hingegen erwies sich 2 Tage später die Aufführung von „Kol“ der bekannten zeitgenössischen italienischen Compagnia Corte Sconta. Auch diese Produktion entstand in Zusammenarbeit mit Bolzano Danza und mit den Festivals in Sarajewo und Friaul (UA: 19.7.). Im intimen Rahmen des Studiotheaters wird von den 7 TänzerInnen über alltägliche Tätigkeiten und Vorkommnisse in einer sehr ausdrucksstarken Tanzform reflektiert.
Den Veranstaltern gebürt Lob für die mutigen Produktionen; etwas mehr Verständlichkeit in der Breitenwirkung wäre manchmal für das durchwegs interessierte und aufgeschlossene Publikum hilfreich. Ein in jeder Beziehung spannendes Kurs- und Tanzfestival, das auf die nächste Ausgabe schon jetzt neugierig macht.

Ira Werbowsky

Online am: 31.07.2006, © www.tanz.at