Durch Feuer und Finsternis

Hell von Emio Greco und Pieter C. Scholten

Hell, Burgtheater, 18.07.2006.

Die Verwirrung ist nicht schlecht. Nicht einmal die Hälfte des Publikums hat seinen Platz eingenommen, da geht das Spektakel los. Disco-Rhythmen, laut und tempogeladen. Glitter-Look, Playback-Mimik, echte Stimmung in den Reihen — Showtime vom reinsten. Ein bisschen Sünde muss wohl sein, ehe es in die Hölle geht. Die Fahrt in den Abgrund erfolgt unverzüglich: ein Donnergrollen und man ist diesseits und jenseits des Bühnenrandes aus der Zeit und ins Reich der Finsternis katapultiert. Entschleunigung von hundert auf null. Die Partykatzen von gerade eben sind in bestechendem Chiaro-Scuro in totenblasse Gestalten verwandelt, sphärische Glockenklänge tragen in die Welt des Mysteriums.
Emio Greco und der niederländische Dramaturg Pieter C. Scholten haben sich vor zehn Jahren auf eine ambitionierte Suche nach der Essenz des tänzerischen Ausdrucks begeben. In seiner unverfälschten Reinheit erkundeten sie ihn in ihrer ersten gemeinsamen Arbeit Bianco (1996), zehn Jahre später, nach kreativen Exkursen ins Theater, die Oper und den Film und inspiriert von den Erfahrungen anderer dramatischer Ausdrucksformen wenden sie sich in Hell wieder dem Tanz in seiner reinen Form zu — Dantes Reise in die Reiche der Toten ebenso wie Beethovens Schicksalssymphonie lieferten den äußeren Anstoß. Mit der Hölle als Zeugen der Versuchungen und Verfehlungen, als Ort der Qualen, aber auch der Läuterung haben die beiden Künstler ein drastisches Bild für ihr Abtauchen von der lauten Oberfläche in die stillen Tiefen der Erneuerung gewählt. Erneuerung des kreativen Ausdrucks, Erneuerung des Künstlers selbst. Emio Greco tanzt mit seinen sieben Tänzern, einem Ensemble, das wie ein perfekt eigespieltes Orchester miteinander agiert und minutiös aufeinander reagiert, wo jede der außergewöhnlichen Tänzerpersönlichkeiten in seiner Individualität spürbar ist und dennoch jeder Tänzer stets Teil eines mal energiegeladen auflebenden, mal scheinbar als zähe Masse dahintreibenden Ganzen ist. Eine auf- und abschwellende Dramaturgie bestimmt das subtile Zusammenspiel von Musik, Licht und Bewegung, das Bilder des Horrors und der Schönheit evoziert. Der Ort der Finsternis wird im Stück von EG|PC zum Ort der Kontraste und des Lichts, in dessen Nuancen das Genie zweier unermüdlicher Geister hervorblitzt.

Karin Schiefer

Online am: 24.07.2006, © www.tanz.at