Tanzsommer Graz |
Viel Passion, noch mehr Exotik |
Tanzsommer Graz, Opernhaus Graz / Theater im Palais , 06.07.2006 bis 23.07.2006
|
Der Tanzsommer Graz wartet auch heuer wieder mit einem bunt gemischten
Programm auf. Außer in der Oper wird mit einigen Produktionen
auch im Theater im Palais getanzt. Nach der Galanacht des Tanzes (6.7.),
die traditionellerweise einen Überblick über die geladenen Gastensembles
gibt, war Maracana zu sehen, ein offizieller globaler Beitrag von TänzerInnen
aus Brasilien, Europa und Asien zur FIFA WM 2006. Die Lust am Sport vereint
mit zeitgenössischem Tanz (Choreografie: Deborah COLKER) war nicht
nur in allen Städten der Fußball-WM zu sehen, sondern danach
auch bei speziellen Festivals wie in Innsbruck und Graz. Fernöstliches
buddhistisches Ritual ist die Basis für die Produktion von Nirwana
der Gruppe KOREANA (18.7.). Den Abschluss des diesjährigen Sommertanzfestivals
in der steirischen Landeshauptstadt bilden die neue Generation der SolistInnen
der Pariser Oper (inklusive mitgereister Dirigentin!), die mit klassischem
Ballett vom feinsten zu Gast sind (20. - 22.7.).
TänzerInnen aus Brasilien als Publikumsmagneten
Obwohl Brasilien nicht Fußballweltmeister wurde, errang das Ensemble GRUPO CORPO aus dem größten südamerikanischen Staat einen Spitzenplatz in der Grazer Publikumsgunst. Mit Riesenbegeisterung wurden die beiden Piecen Onqoto und Lecuona aufgenommen. Ersteres wurde 2003 anlässlich des 30jährigen Bestehens der Compagnie geschaffen und hat den Urknall zum Thema. In der heimatlichen Umgangssprache bedeutet der Titel übersetzt so viel wie wo bin ich?. Es entstanden insgesamt 9 sehr rhythmische Kompositionen von Caetano Veloso und José Miguel Wisnik, die Choreografie (eine eigenständige Kombination von modernem Tanz mit Samba und Capoeira) stammt vom Ensemblegründer Rodrigo PEDERNEIRAS. Das 2teilige Tanzstück (Big Bang und Fla-Flu) dauert 45 Minuten und ist von mitreißender Dynamik. Boden und Luft werden als Bewegungsraum einbezogen. Begrenzt wird die Bühne durch senkrechte im Halbrund angeordnete Gummibandstreifen, durch die die TänzerInnen jeweils hindurch treten und deren dabei entstehende Schwingungen als Vibrationen Teil des Gesamtwerkes sind. Aus pulsierenden Gruppenformationen lösen sich Einzelindividuen oder Paare. Einfache Körpertrikots (Kostüme: Freusa ZECHMEISTER) und optimales Lichtdesign (Paulo PEDERNEIRAS) v.a. bei der Geburts-Verwandlungsszene als nacktes Männersolo unterstreichen die Verschmelzung von Tanz und Klang.
Ballroom-dancing neu definiert
Nach der Pause zeigen die wohl trainierten athletischen TänzerInnen Lecuona, benannt nach dem Komponisten der hier verwendeten Musik. In 12 romantisch verspielten Liedern des kubanischen Musikschaffenden Ernesto LECUONA wird hingebungsvoll-leidenschaftlich in einer gelungen Mischung aus zeitgenössischem Tanz und Ballroom-dancing getanzt. Jeder der Pas de deux hat den Songs entsprechend ein anderes emotionales Beziehungsmotiv wie Leidenschaft, Eifersucht, Sehnsucht. Die Damen präsentieren sich in tief rückendekolletierten Cocktailkleidchen, jede in einer anderen kräftig bunten Farbe und in Highheels; die Herren tragen einfache, leicht transparente Hemden zu langen Hosen in elegantem Schwarz. Anklänge an Black Cake oder Mokka drängen sich auf das südamerikanische Temperament verleiht dem Stück eine eigene sinnliche Note. Die Zuschauer waren hingerissen und applaudierten heftig.
Ein Exot unter den Exoten Einen ganz besonders genialen Coup lieferte Organisator Josef Resch mit dem Tanzsommer-Spezial Die Sternstunden des Josef Bieder mit dem unvergleichlichen Otto SCHENK als liebenswertem Grantscherm von Chefrequisiteur, der am Schließtag unverhofft bei seinen Vorbereitungen für die nächste Vorstellung auf Publikum im Theater trifft und daraufhin dieses köstlich 2 Stunden lang als Soloabend unterhält. Seit 1993 tritt der Schauspieler und Regisseur mit diesem, den Heinzelmännchen im Theaterbetrieb gewidmeten Stück von Eberhard Streul in der Bearbeitung von (und für) Otto Schenk auf. In weiteren tragenden Rollen als Bühnenarbeiter wird er diesmal originellerweise unterstützt von Landeshauptmann Franz Voves (!), Bernhard K. Reif-Breitwieser (Vorsitzender des Tourismus-Verbandes) und Joseph P. Hauser (Geschäftsführer des Tanzsommer Graz). Obwohl schon sehr bekannt, eröffnet dieses Soloprogramm dem Betrachter immer wieder Szenen zum Schmunzeln.
Ein Bühnenprofi in seinem Metier
Mit seinem unvergleichlichen Charme (Sie sind ein relativ nettes Publikum) erzählt Otto Schenk Bonmots und Anekdoten aus seiner langjährigen Bühnenerfahrung. Die Grenzen zwischen Josef Bieder und Otto Schenk verwischen. Statt der Chachucha, dem legendären Tanz der Fanny Elßler, mit dessen Interpretation er einen nach eigenen Worten maßlosen Erfolg an der Wr. Staatsoper gefeiert hatte, tanzte er hingebungsvoll (mit einem alten Lampenschirmstoff als Tutu) den Sterbenden Schwan, um so die Faszination der Galina Ulanova heraufzubeschwören (die er tatsächlich 1945 im Wiener Ronacher hatte tanzen sehen). Im Gespräch nach der Vorstellung zu seinen Tanzambitionen befragt hieß es: Hier kann ich Spuren meiner Geschicklichkeit anwenden, und weiter Man muss dahinter die Begeisterung für den Tanz spüren. Die war augenscheinlich und so bewahrheitete sich erneut eine Satz aus dem Werk: Gefühl ist alles ohne Gefühl gäbe es kein Theater, keine Oper
und man kann ergänzen: keinen Tanz. Die Zuschauer waren sehr beeindruckt von der Glanzleistung des Künstlers und kamen seiner Aufforderung im Anschluss an die Aufführung für einen caritativen Zweck zur Unterstützung von Asylanten zu spenden gerne nach bzw. nutzten sie sie Gelegenheit zur Signierstunde.
|
Ira Werbowsky |
Online am: 18.07.2006, © www.tanz.at |