Im Schatten eines hellen Abends |
Anne Teresa de Keersmaeker eröffnet mit ihrem Ensemble Rosas das ImpulsTanz-Festival |
D`un soir un jour, Burgtheater, 13.07.2006.
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Eine Tänzerin im neongelben Tüllkleid rast durchs karge Szenenbild und verschwindet wieder. Der Rest der Tänzer schlendert nonchalant und scheinbar unbeteiligt auf die Bühne. Ein Prolog wie er knapper kaum sein könnte: Anne Teresa de Keersmaeker beginnt ihre neue Arbeit D`un soir un jour mit einem (Under-)Statement über die Kurzlebigkeit und Nichtigkeit der getanzten Kunst, um im nächsten Augenblick ein Schlüsselwerk eines alten Meisters zu neuem Leben zu erwecken: Vaslav Nijinsky hatte 1912 seine Interpretation von Claude Debussys Prélude à l`après-midi d`un faune dem Pariser Publikum präsentiert; so unbestritten ihr prägendes Echo für den Tanz im Aufbruch in die Moderne ist, so wenig greifbar ist das Werk selbst. Ein paar Fotografien und eine Partitur waren die Basis für die belgische Choreografin, die sich erstmals mit der Musik Debussys auseinander gesetzt und diese in aufwändiger Feinarbeit mit einer Hommage an Nijinsky verknüpft hat. D`un soir un jour ist ein in strenger Geometrie entworfener Abend in sechs Sätzen, eröffnet und geschlossen mit Claude Debussy; der englische Komponist George Benjamin komponierte mit Dance Figures eigens ein Stück für Keersmaekers Compagnie seine Arbeiten stehen am Ende des ersten sowie zu Beginn des zweiten Teils des Abends - jeweils dazwischen setzt Igor Strawinski einen markanten Akzent im musikalischen Layout, in das sich die vierzehn Tänzer von Rosas zu einem dichten, manchmal runden, manchmal sperrigen Ganzen fügen. Die Inversion ist in D`un soir un jour zum Prinzip erklärt, nicht nur das musikalische Schema folgt einer Umkehrlogik, nicht nur der Titel ist die Umkehrung eines Mallarmé-Verses, der schon einen Gegensatz in sich trägt: so wie Musik und Tanz in wechselnder Gewichtung ineinandergreifen, so bestimmt das Prinzip des Negativs das Bühnengeschehen: im Wechsel von Licht und Dunkelheit, in der an- und abflauenden Intensität der stilisierten und kantigen, dann wieder rasanten und fließenden Bewegung, im Spiel mit der Flüchtigkeit des tänzerischen Schaffens, wenn die aufgewirbelten Staubschleier noch den Nachhall einer längst entschwundenen Bewegung sichtbar in die Luft zeichnen und gleichzeitig ein bald hundert Jahre altes Tanzwerk in eine neue Zeit geholt wird. Jeux (Spiele) ist der Titel der zweiten von Nijinsky inspirierten Choreografie, ein verliebtes Trio spielt sein Spiel vom Kommen und Gehen und die Szene vom pantomimischen Tennisspiel einer Gruppe junger Leute aus Antonionis Blow-up im Hintergrund versetzt das Ensemble scheinbar in ein anderes Medium eines, das bleibt doch da springt ein echter Tennisball über die Bühne und das Spiel von Illusion und Wirklichkeit löst sich einmal mehr im weiten Land dazwischen auf.
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Karin Schiefer |
Online am: 18.07.2006, © www.tanz.at |