5. Magyar Tanzfestival

Große Spaktrumsbreite bei nationaler "Tanzmesse"

5th Hungarian Dance Festival, Györ, 16. bis 23.06.2006.

Eine ganze Stadt liegt im Tanzfieber und fiebrig heiß war auch die Temperatur in diesen schönen Sommertagen, wenn vor dem Nationaltheater open-air auf einer Bühne, bei freiem Eintritt alles nur denkmögliche getanzt und vorgeführt wurde. Das beginnt bei Puppentheater und Kinderchören sowie Kinderballett für die Kleinen, führt über Chorgesang und Volkstanz bis hin zu öffentlichen Tanzkursen von Tango argentino, Flamenco und sonstigen Darbietungen. Ein dichter Zuschauerkreis zeigte jederzeit Interesse und bevölkerte den Platz. Generell sah sich das 5. Festival als nationale Tanz-Messe zur Präsentation eines breiten Spektrums von Vorstellungen im Nationaltheater und dem revitalisierten Saal des Bartók-Kulturzentrums (besuchte Vorstellungen 19.-22.6.). Ebenso gab es Teilnahmemöglichkeiten an interessanten Proben und Kurzchoreographien von jungen ungarischen zeitgenössischen Choreographen zu sehen, zweimal täglich als Programmpunkt „Showcase“ zwischen 11 und 15 Uhr. Komplettes Programm: siehe www.hungariandancefestival.hu

Über die Landesgrenzen hinaus bekannte Compagnie

Die Szeged Contemporary Dance Company zeigte „ATLANTIS“. Choreograph und Chef Tamás JURONICS und diese Truppe besitzen einen überragenden Ruf in Ungarn sowie in der übernationalen Tanz-Szene. Nicht unerwartet war daher auch seine Sichtweise der Atlantiden-Saga, basierend auf dem Philosophen Plato. Den mystisch-mythischen, später im Meer versunkenen Kontinent, der geographisch nicht zuordenbar ist, stellte der Choreograph, der auch für das Set verantwortlich zeichnete, als eine wüste Insel dar ohne Vegetation, braun und ausgedörrt, nur von Gasen bedeckt. Nebel wallen, in rascher Spotlight-Dramaturgie (Lighting: Ferenc STADLER) erscheinen und verschwinden schemenhaft deren geheimnisvolle Bewohner. Ihre dunkle Hautfarbe ist wie mit Asche eingerieben, die Leiber stellenweise metallisch glänzend wie mit Rüstungen angetan, die Gesichter kapuzenartig verhüllt, kein Geschlecht, keine Individualität ist sichtbar, alle wirken wie Mitglieder eines ehemaligen Ehernen Zeitalters und könnten genau so gut Geschöpfe zukünftiger Welten sein, Zeitlos stellt der Choreograph seine Spielfiguren innerhalb von Nacht und Tod auf.
Es ist anscheinend eine Urzeit, in der ein Ritual, eine Art „Sacre“ stattfindet, Frauen wird Gewalt und Raub angetan, eventuell ist das Ganze auch als ein Geschlechter-Tanz um ein imaginäres Goldenes Kalb zu deuten. Zur unglaublich stark expressiven Musik von Péter EÖTVES vom Band gibt es einen adäquat gewalttätigen Bewegungs-Kanon der Choreographie, der diesen Klängen entspricht. faszinierend diese so sinnliche, 80 Minuten dauernde monumentale Klangwolke seines Oratoriums, fesselnd gebildet aus vielschichtigen Ton-Clustern, einer Baritonstimme, Chören, Knabensopranen, irisierenden Violinsoli etc. Durchaus nicht verwunderlich, dass sich Támas Juronics dieser starken Inspirationsquelle nicht entziehen konnte. Rätselhafte Inschriften und Piktogramme, historische Felszeichnungen in prähistorischen Höhlen auf die Rückwand der Bühne projiziert, leiten zum Finale. Ein Menschen-Paar, wie Adam und Eva, sind die neuen, die glücklichen (?) Bewohner von Atlantis und schreiten ins Licht. - Paradise now? – Sie wissen noch nichts vom Untergang ihrer, dieser Welt! Die komplette Compagnie aus 6 Damen und 7 Herren, inklusive dem Choreographen wurden frenetisch und besonders mit dem hierorts üblichen Taktklatschen gefeiert.

Alice im Wunderland a la hongrois

Einen vertanzten Alice-Stoff gab es 2005 an der Wiener Volksoper als zweite recht märchenhafte, harmlose Produktion des damaligen Ballettchefs Giorgio Madia, angelehnt an „Alice im Wunderland“ von Charles Lutwidge Dodgson, bekannter unter seinem Pseudonym Lewis Caroll. Die hier aufgeführte Version „ALICE’S DIARY FROM WONDERLAND“ des Choreographen Attila CSABAI, spätabends in Györ im Bela-Bartok-Kulturzentrum, basierte hingegen auf einem Script von Greg Roensch und da blieb kein Stein auf dem anderen. In Roenschs modernem Kindermärchen sterben Alices Eltern bei einem Unfall im Feuer und ihr Kind liegt seitdem im Koma in einer psychiatrischen Klinik, was jedoch nur durch Programmheft-Lektüre enträtselt werden kann. In einer Alptraumsequenz, wie im Film von Pedro Almodovar – „Sprich mit Ihr“ - umschwirren Krankenschwestern in langen fließenden weißen Gewändern die an Gummischnüren in Gestellen gefesselte komatös liegende Alice in einer Art Hexen-Sabbath. Währenddessen wabern Trockeneisnebel und keramische Plättchen, die oberhalb des Gitterbettes in einem Netz hängen, erzeugen bei jeder Bewegung klimpernd-klirrende Geräusche. Zu peitschenden Klängen werden ebenso Peitschen geschwungen, das auch bereits in der Werbung verwendete Frauenduett aus Delibes „Lakme“ erklingt, Puccinis „Madama Butterfly“ mit „un bel di vedremo“ wird mit viel Echo ebenso in die lärmende Musik-Collage integriert und alles endet wie bei einer griechischen Hochzeit mit viel lautem Tellerschmeißen rund ums Bett. Kein Wunder, wenn dabei Alice aus ihrem Endlos-Schlaf aufschreckt. Ein schriller Schrei von ihr – und der Vorhang fällt nach über 1 Stunde recht wirrer Aktion, die mehr Performance ist als Tanzstück. Die kleine aus 4 Mitwirkenden bestehende Truppe des Choreographen tat tapfer was sie konnte und musste. –An die Irrenhaus-Version des 2. Aktes von Mats Ek’s faszinierender „Giselle“ durfte man nicht einmal denken....

Text und Wirklichkeit

Traue keinen Programmheft-Texten, denn bei „&ECHO“ der Fortedanse-Csaba Horvath Company war von Dualität wie Realität und Unwirklichkeit, Oberfläche und Essenz und dergleichen Gegensatzpaaren dann so gut wie nichts in der fast 50-minutigen Piece zu bemerken. - Dass die Truppe aus Debrecen nichts mit dem tanzhistorischen klassischen Ballett Narcissus und Echo am Hut haben würde, war nahe liegend. Die 3 Herren und zwei Damen führten im weiträumigen Bühnenraum des Nationaltheaters ein neoklassisch’ Stück auf – back to the Forties, in der sichtbar auch der überlebensgroße Neoklassiker Balanchine ein wenig Pate stand für die Choreographie von Csaba HORVÁTH. Bis auf einige dionysische Ausreisser in einigen Movements, geriet dann alles recht unter die Schirmherrschaft Apollos, es war angewandte kultivierte Tanzästhetik vor weißen Wänden, ausgeführt in kupferfarbenen Schwimmtrikots, garniert mit kecken blauen Streifen auf jeweils einem Tänzer-Arm. Reizvoll dagegen die Musik, sie wurde als Schostakowitsch Symphonie Nr. 15 op.141 bis (?) angekündigt. Mir war eine derartige Kammermusik-Fassung mit Klavier nicht bekannt. So erfreute ich mich auch am witzigen Rossini-Zitat der herangaloppierenden Wilhelm-Tell-Ouverture im einleitenden Allegro sowie am ergreifenden langsamen Lamento-Satz. Um das ganze Stück in Spannung zu halten, reichte für mein Gefühl die choreographische Substanz nicht aus. Ein gewissermaßen narzistisches Element bediente etwas der Schluss, in dem sich alle Tänzer mit Goldflitter bestreuten und sich vor einer schwarzen Wand wie in einem Spiegel verzückt betrachteten.

Romanvorlage als Ballettlibretto

Nach der Pause trat das Ballet Pecs auf mit „THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME“. Der berühmte Roman Victor Hugos stellte die Vorlage und Choreograph Patrick JURÁNYI konzentrierte sich auf 4 Hauptfiguren: Quasimodo, der Glöckner (Csanád GERGELY KOVÁCS), Esmeralda, die Zigeunerin (blond und hold Korinna SPALA), den Soldat Phoebus (Krisztián SZALKA) und den dämonischen Priester Frollo (Balász VINCZE). Dekoration war eine brückenartige Konstruktion mit Galerie in halber Bühnenhöhe und ein Turmgerüst mit Innentreppe, beides effektvoll zu bespielen, besonders wenn sich realistische Foto-Veduten des Kirchenäußeren und der umgebenen Pariser Häuser vom Schnürboden herabsenkten. Die Musiktapete dazu lieferte Nándor WEISZ und herausgekommen ist – sagen wir es rund heraus - ein sehr kommerziell anmutendes Musical-Ballett! Denn, so wie der bei uns am Theater an der Wien äußerst erfolgreich praktizierende, die Musical-Metren vom Metermaß schneidende Sylvester Levay (mit Elisabeth, Mozart!) tat es auch sein Landsmann Weisz. Jede rhythmische und melodische Wendung, jeder musikalische Einfall ist vorher-„hör“bar, die harmonische Verpackung ist dank elektronischer Hilfe bombastisch aufgeblasen und zeigte verzückende Wirkung für die im Saal befindliche junge Musical-Gefolgschaft. Jurány ist mit einer starken Charakterisierung der Figuren gelungen, was ansonst bereits jedem erfolgreichem Dance-Captain zur Ehre gereichen würde. Kurios das finale Solo der Esmeralda in schaukelnden Ketten, wenn 8 unbeschuhte schwarze Witwen wie Totenvögel die letzten Momente der zum Strang verurteilten todgeweihten Zigeunerin umschwirren. Der Rest ist Schweigen – und bekannt.
Am so renommierten Ensemble von Pecs hatte man sich angesichts des diesmal dargebotenen Genre vor allem an Präzision, Rasanz und an Verve der Ausführenden zu halten. Ein angereister Fan-Club jubelte jedenfalls.

„moderner“ Volkstanz

Spätabends wurde im eleganten, modernen Béla-Bartók-Kulturzentrum ebenfalls eine literarische Vorlage vertanzt: Eugene Ionescos absurdes Theaterstück „DIE STÜHLE“. Das besondere, experimentelle - das tanzende Ensemble “BARTOK DANCE THEATRE OF DUNAÚJVÀROS” widmet sich ansonst nur der Volkstanz-Pflege! Reizvoll zu beobachten, wie unter Zsolt JUHÁSZ Tänzer und Tänzerinnen, die gewohnt sind Folklore zu präsentieren, sich versuchen zum Teil im Bewegungsvokabular des Modern Dance auszudrücken. Der doch grundlegend verschiedene Bewegungs-Impetus wirkte jedoch in der Abfolge der Movements der einzelnen Tänzer zumeist ganz ohne jegliche fließende Bindung, Schritte waren mehr oder weniger hinter einander gesetzt. Trotzdem geriet das Stück auch dank illustrativer fremdartiger folkloristischer Musik vom Band einigermaßen spannend.

Traditionspflege

Im Nationaltheater brachte der zweiteilige Folklore-Abend mit den beiden Ensembles Honved Dance Theatre sowie Budapest Dance Ensemble hintereinander wieder einmal eine beeindruckende Demonstration der Liebe der Ungarn zu ihrem Volkstanzgut und zur liebevollen Pflege desselben. Die so zahlreiche Mitglieder zählende erstere Compagnie unter seinem bewährtem langjährigem Künstlerischem Leiter Ferenc Novák bewegte sich „IN DEN FUSSPUREN VON BÉLA BARTÓK“, und nützte zu Beginn seine Klaviermusik der Kinderszenen. Tänzerisch illustriert wurden ebenso Solo-Lieder, ganz in kehliger Mehrstimmigkeit von den Frauen dargeboten, sowie 7 der 44 Violin-Duette. Weiter ging es mit populärer Orchestermusik vom Band gespielt, wie den Rumänischen Tänzen und 4 der Ungarischen Bauerntänze. Nach der Pause hielten die Tänzerinnen mit dem Programm KALOTASZEG das „Living Martin Archive“ am Leben, bei dem einst der namensgebende Ethnograph historische Filmdokumente von Tänzen in der Provinz drehte. Das so temperamentvolle Ensemble überwältigte neuerlich das Publikum mit seinem Furor derartig, dass es zahllose Zugaben zu geben hatte. Vor allem haben die Männer den Löwenanteil und den Spaß beim Tanz! Doch handelt sich nicht um generellen „Magyar Machismo“, selbst wenn sie mit martialischem, dröhnenden Gesang einziehen und sich dann gegenseitig mit den bekannten folkloristischen ausgewinkelten Battements hochtreiben, wer denn diese noch höher oder noch schneller imstande ist. Die Rolle der Frauen in der hier präsentierten transylvanischen Männergesellschaft ist es vor allem dekorativ zu sein in ihren prächtig-bunten glitzernden Gewändern, wenn sie wie die Teepuppen mit vielen steifen Unterröcken ausstaffiert zum Reigen geführt, um ihre Achse gedreht werden oder überhaupt nur am Rande zuschauen dürfen.

Bibelstoff vertanzt

Im Proberaum des National-Theaters, dem Kisfáludy Térem, gab es spätabends von den beiden Tänzern der Hungarian Art of Movement Company, Márk FENYVES und István PÁLOSI ein Tanz-Duo über das alttestamenttarische Brüderpaar. (Choreographie: CSABA HORVÀTH). In „CAIN-ABEL“ absolvierten auf weißer Kunststofffläche, hautnah am Publikum, die beiden ausdrucksstarken Tänzer, in schwarzem T-shirt und Jeans, eine Art Synchronschwimmen ohne Wasser mit präzisen deckungsgleichen stop-and-freeze-and-go-Bewegungen, wie „me and my shadow“ zur streckenweise geheimnisvoll raunenden, auch mit Wellengeräuschen arbeitenden Soundcollage. Erst gegen Ende wurden kleine individuelle Gesten sichtbar, die sich vergrößerten, bis endlich ohne sichtbare Gewaltanwendung der dunkelhaarige Abel vor dem kahlen Kain leblos zu Boden sank. – Ein starkes Stück, bei dem die Tänzer außerordentlich genau zu zählen hatten, denn der Pausen, in denen sie einzufrieren hatten, waren gar viele.

Und noch einmal Volkstanz

Beinahe zu Festival-Finale gab es eine Zusammenballung von Folklore-Vorstellungen (FOLKLORE II ). Im Nationaltheater trat das Duna Art Ensemble auf. Enttäuschend das erste Stück dieses Ensembles mit dem Titel „Tale – Dance Concert“, eine Gemeinschafts-Produktion mehrerer Choreographen, das mit den Elementen von verschiedenen Volkstänzen spielte, ohne wirklich authentischen Charakter zu zeigen. Da wurde mit Massen „quer durch den Garten volks-getanzt“ von geschmäcklerischen Anleihen beim irischen Riverdance bis hin zum Balkan und dem Nahen Osten. Ein Mix der Beliebigkeit, der in seiner kommandiert anmutenden Fröhlichkeit eher unangenehme Assoziationen an einstige politische Kollektive auslöste. Einzig die 7 fetzig musizierenden Pop-Bandmitglieder, die sich „Ghymes“ nannten, konnten mit diesem Eindruck versöhnen.
Prachtvoll dagegen dasselbe Ensemble mit „Nomad Passion“ zu traditioneller Zigeuner Musik live gespielt, wo dieselbe Truppe seriös eine Geschichte erzählte und wie verwandelt wirkte. Ebenso stimmungsvoll dargeboten vom Hungarian State Folk Dance Ensemble der 1.Teil der Bartók-Trilogie, eine ernsthafte Beschäftigung mit den Tänzen und der Musik von Bartoks Recherche der Region Nordungarns und der Slowakei.

Sperriger Abschluss

Durch die Überlänge des Programmes im Nationaltheater wurde mit der Vorstellung von „Faust” der Dance Company of the National Theatre Miskolc verspätet begonnen und viele der Zuschauer schienen schon etwas mitgenommen. Mit dieser Arbeit hat sich der mittanzende Choreograph György KRÁMER als Titelfigur die Latte sehr hoch gelegt. So konnte man höchstens von einer Faust-Paraphrase sprechen, wenn außer ihm noch der weiß gekleidete junge Mephisto (Attila FÜZI), das Gretchen (Viktòria SZÉKELY) sowie zwei Tierfiguren, wie ein Hahn und der Pudel (Lukács ADÁM und István ÙJHELYI) mitwirkten. Warum mir dabei andauernd Maurice Bejart und sein persönliches Auftreten in seinem „Notre Faust“ im Hinterkopf herumgeisterte...?

Norbert A. Weinberger

Online am: 05.07.2006, © www.tanz.at