Vielfältig und multimedial

Ikarus am Trockenen, Nix im Nass

Österreich Tanzt, Festspielhaus St. Pölten, 20. bis 24.Juni.2006

Nach der Eröffnung des Festivals am Dienstag, in deren Mittelpunkt Hanna Berger stand ("Hanna Berger: Retouchings" Kritik nachlesen), gab es auch am Mittwoch für viele eine Entdeckung zu feiern: den in der Schweiz lebenden Wiener Regisseur und Video-Künstler David Haneke und seinen durchaus als Choreografie zu bezeichnenden Film über drei Wasserfabriken des ehemaligen holländischen Reichsbaumeisters Wim Quist (*1930). Paul Wenninger zeigte Paul Wenninger (Tanz Lucia Kariarovà, Loulou Omer, Rotraud Kern), Veronika Zott ihre Performance „Homemade-Mix“ (Bewegung interagiert mit Sound, Ars electronica, voriges Jahrhundert) und Barbara Kraus machte sich und den Gästen eine späte Freude im glühenden Sternensaal.
Auch am Donnerstag bestand die Ouvertüre aus Videochoreografien. Kurator Bernd R. Bienert zeigte drei Filme, in denen er sich mit Tanz und Architektur auseinandersetzt. Harmen Tromp bewegte sich in der Skulptur „Wiener Trio“ von Philip Johnson. Durch radikale Kürzung auf die Essenz – tanzender Körper, starre Skulptur – ist „Sculpture“ ein besonders geglückter Film. Wie gewinnbringend Reduktion sein kann, zeigte Bienerts erster Film der Trilogie: „dance:storm“, für den Kun-Chen Shih in der Installation „Ice –Storm“ Zaha Hadid (MAK 2003) tanzt. In der 2004 entstandenen Videoperformance lenken technische Spielereien (Überblendungen, Verdopplungen) vom durch Öffnungen gleitenden Körper des Tänzers ab, die Architektur löst sich auf, die Beziehung geht verloren. „Tides“, das letzte Werk, ist eine Choreografie für einen nackten Nix. Der Tänzer Karl Schreiner taucht ins fremde Element, das zum Choreografen wird. Der nackte Nix muss sich dem Wasserstand und den Wellenbewegungen anpassen. Hier kann die Kamera mehr zeigen, als das Auge üblicherweise sieht. Karlheinz Essl hat aus den Geräuschen des Wassers – Plätschern, Spritzen, Tropfen – kongeniale Tanzmusik gebaut. Auch die beiden anderen Videochoreografien werden von seinem Sounddesign begleitet und auch zusammengehalten.
Im Zentrum des Donnerstagabends stand die Uraufführung von „Ikarus“ einem Tanzsolo von Karl Schreiner von Violanta de Raulino im Klang von Josef Klammer mit einem Text von Elfriede Jelinek. Vier KünstlerInnen also, die sich über Ikarus – Held oder Irrsinniger, Opfer oder Täter, Mythos jedenfalls – Gedanken gemacht haben. Choreografin de Raulino ist quasi mit dem Himmelsstürmer aufgewachsen. Ihr Stiefgroßvater war der Luftfahrtpionier Willy Messerschmitt. Sie war es auch die Elfriede Jelinek zu ihren Überlegungen über Ikarus anregte. Der Komponist Josef Klammer, reichlich erfahren in Theatermusik, hat mithilfe der Sprachsoftware „Marlene“ eine „Bruitage“ erzeugt, indem er den Computer von Jelineks Sprachrhyhtmik und -melodie steuern ließ. Entstanden ist eine Melodie, die Jelineks Stimme, während sie den Text vorträgt, als sanftes Echo begleitet und kontrastiert, ohne vom Tänzer und seinen Bewegungen abzulenken. Die Choreografie ist ein kompaktes Porträt eines Antihelden. Hilflos flattert er, auf dem Boden kauernd, mit den Armen, weist sehnsüchtig in die Unendlichkeit und klebt doch, bandagiert und behindert, auf der Erde. Vielleicht bereits gestürzt, vielleicht nie abgeflogen. Die Dauer der Choreografie orientiert sich ganz an Jelineks Lesetempo (wenn auch nicht illustrativ am Inhalt des Textes), was die Choreografin von der Vision eines abendfüllenden Stückes träumen lässt. Das aber wird dann ein anderer Ikarus sein, dieser hier ist kein Fragment und bedarf keiner anderen Flügel.
Eine weitere Uraufführung – Kurator Bienert kann, Kompositionen, Choreografien, Videos getrennt zählend, von insgesamt 15 sprechen – bot der St. Pöltener Performer und Choreograf Markus Bruckner mit „in[decision]“. Drei Tänzerinnen sollten das Unzeigbare zeigen, den Zeitraum vor einer Bewegung, die Phase des Zögerns und der Unentschlossenheit. Gelungen ist der Versuch nicht. Was kaum sichtbar ist, kann auch nicht gezeigt werden. Die Zeit aufzudehnen, ist ein Privileg der Kamerakonserve. Bruckner hat noch keine eigene Tanzsprache entwickelt und nimmt aus dem Vokabelbuch seiner KollegInnen Bewegungen, fügt sie zu Sequenzen zusammen, die kein Stück ergeben. Was er zeigen will, kann von einer Tänzerin umgesetzt werden, ist nach 15 Minuten verstanden. Doch Bruckner benötigt derer drei für eine Stunde. Damit tradiert der 28jährige eine weit verbreitete ChoreografInnen-Unsitte: Keinen Gedanken an das Publikum zu verschwenden und die Bühne zum Labor umzufunktionieren.
Dieser Vorwurf kann auch Catherine Guerin, Choreografin für X.IDA nicht erspart werden. Die Uraufführung von „Short Circuit 2“ zeigt sechs bestens ausgebildete, flexible junge Tänzerinnen in einigen aufregend schönen Sequenzen /Pas de deux, doch fehlt der dramaturgische Bogen, der die ZuschauerInnen in Spannung versetzen könnte. Zudem lässt Guerin das Sextett einer weiteren Unsitte frönen, dem (meist völlig unverständlichen) Gequatsche. Auch die „Kurzschlüsse“ gewännen an Substanz, was ihnen an Redundanz genommen würde.
Amüsieren und entspannen konnte man sich nach den Vorstellungen mit den beiden Performance-Clowns (Michikazu) Matsune & (David) Subal. Aufgehäufte Pflastersteine, mit denen nicht geworfen werden darf; panierte Schnitzel, die gegessen werden sollen; KünstlerInnen, die gar nicht da sind und von irgend anderen ersetzt werden; Blechpuppen, die lärmen und tanzen und durch heftiges Stampfen aufgezogen werden und rosiger Haut mit Schweinemaske, was echt eklig ist. Sinn muss da keiner gesucht werden, auch wenn es für die „installative Performance“ einen Titel gibt – „keep in touch“ – und ein Konzept – „Projekte für konkrete Gelände“. Übrigens, die Schnitzel waren tatsächlich genießbar.
Resümee
Betrachtet man das Konto dieser österreichischen Tanztage, deren Abschluss am Samstag zur Gänze Philipp Gehmacher gewidmet war, kann die Bilanz guten Gewissens auf der Habenseite summiert werden. Auch wenn es einige Anmerkungen zu machen gilt. Bienert hat sich bemüht, ein möglichst breites Spektrum heimischen Tanzschaffens zu zeigen und es zugleich Vielen recht zu machen. Das bringt weniger Konzentration als Verdünnung. Fünf Tage sind für den Standort St. Pölten auch zu viel – die Verdichtung auf drei Tage bei gleichem Angebot (Beginn am Nachmittag), würde möglicherweise mehr Publikum anlocken. Denn der wirkliche Schwachpunkt der Veranstaltung war nicht auf der Bühne zu finden, sondern jenseits der 4. Wand, im Zuschauerraum. Dieser ist hinter der Bühne und im Haydn-Saal klein genug, um mit Freunden, Freundinnen, wenigen KollegInnen und am ersten Tag sogar mit VertreterInnen der Institutionen gefüllt zu werden, was den Eindruck guten Besuches erweckte. Tatsächlich aber fehlte die Öffentlichkeit von außen. Daran muss gearbeitet werden.

Ditta Rudle

Online am: 28.06.2006, © www.tanz.at