Die österreichische Tanzgeschichte ist reicher und reicht weiter zurück als lückenhafte Archive und verdrängte Erinnerungen glauben machen. Durch die Nationalsozialisten wurde vieles negiert, gelöscht, ausradiert. In mühsamer Arbeit muss nun das Gedächtnis aufgefrischt, die Erinnerung (so noch vorhanden) wieder geweckt, müssen Lebensgeschichten und Werke rekonstruiert werden. Andrea Amort, nicht nur als Kritikerin, sondern auch als Tanztheoretikerin und historikerin bekannt, unterzieht sich dieser Aufgabe , arbeitet zum Beispiel daran Leben und Wirken von Hanna Berger wieder ins Bewusstsein des heimischen (und nicht nur dieses) Tanzes zu rücken. Hanna Berger, geboren 1910 in Wien, gestorben 1962 in Berlin-Ost, heimgekehrt und in Wien begraben, zählt als Vertreterin des modernen freien Tanzes zu österreichischen Größen wie Grete Wiesenthal und Rosalia Chladek. Jünger als die beiden anderen Künstlerinnen, ging sie bereits in eine neue Phase des Ausdruckstanzes. Nach dem Zweiten Weltkrieg galten die großen Dogmen nicht mehr so strikt, neue Freiheit und Vielfalt war möglich. Das überlieferte Werk Bergers ist fragmentarisch, doch es gibt noch Schülerinnen, die sich ihrer erinnern, allen voran die 74jährige Ottilie Mitterhuber, die von 1947 bis 1951 bei Hanna Berger studiert hat. Aus ihrer Erinnerung wurde Bergers Solo Die Unbekannte aus der Seine schon 1995 rekonstruiert, später hat Mitterhuber mit Esther Koller auch Mimose einstudiert. Die Choreografin und Choreologin Rose Breuss hat die Bewegungsabläufe notiert, der Filmregisseur Peter A. Egger auf Video konserviert. Ein Teil der Tanzgeschichte wird zurückgeholt, steht den heutigen Generationen zur Verfügung. Nikolaus Adler, Manfred Aichinger, Bernd R. Bienert, Rose Breuss und Willi Dorner haben die Chance genützt und für den Eröffnungsabend des Festivals Österreich tanzt im Festspielhaus St. Pölten sich mit dem vorhandenen choreografischen Material Bergers auseinandergesetzt. Bienert hat ein Video gedreht, in dem Tanz (Doris Reisinger und Karl Schreiner) mit der Musik Karlheinz Essls und einem Text von Sabine Gruber konkurrieren. drowned nennt der heurige Kurator des Festivals den haltbar gemachten Tanz, was sowohl ertränkt wie auch ertrunken heißen kann. Die Unbekannte aus der Seine eben, und zum Wasser, diesem flüchtigen Element, hat der ehemalige Tänzer und Choreograf Bienert so wie so eine innige Bindung, wie sich beim Ansehen seines Videos Tides noch weisen wird (und sich bei der Aufführung von Unruhiges Wohnen bereits erwiesen hat). Manfred Aichinger geht seine Variationen sensibel an. Fragile heißt denn auch die Modulation zu Mimose, die von Martina Haager mit weit ausschwingenden Armbewegungen getanzt wird. Nicht nur von der Unbekannten, sondern auch von Undine und der Kleinen Meerjungfrau, vom Sterntalerkind und dem Mädchen mit den Schwefelhölzern und auch von dem, das sich dem Tod willig anheim gibt, kurz von Frauen, die ausbrechen und sich selbst zerstören erzählt Rose Breuss mit Versuche aus der Enge. Krassimir Sterev bearbeitet sein Akkordeon auf ungewöhnliche Art, Anna Nowak tanzt in eckigen immer wieder erstarrenden Bewegungen. Berührt werden nicht nur Bergers Solochoreografien, erinnert wird auch an ihr Leben, ihren Aufenthalt im KZ, ihren frühen Tod mit 52 Jahren. Nikolaus Adler verrückt das Bild am heftigsten, erweitert er doch das Solo zu einem Pas de deux, und zeigt es doch am schärfsten, in dem er das (rekonstruierte) Original darunter und darüber schiebt. Karin Steinbrugger und Kun Chen Shih erzählen also warum diese schöne Unbekannte sterben muss, in den Fluten der Seine versinken will. Eine Liebe, die nicht hält, was er verspricht. Doch schon während Mann und Frau sich glücklich umarmen, ist das Ende sichtbar: Esther Koller im Originalkostüm, abgewandt und bedrohlich. Der Mann verschwindet, die beiden Frauen bleiben allein. Die Lebende sieht das Ende, begegnet ihrem Tod. Tanz heute, Tanz gestern, die Ebenen überlagern sich, die Zeit steht still. De Tote im Fluss, in der Narration Zukunft, in der Tanzgeschichte Vergangenheit ein Vexierspiel der eindringlichen Art. Elisa Day wird vom Liebespaar zu Normas berühmten Gebet von der keuschen Göttin (Vincenzo Bellini: Norma) getanzt; Koller in der Rekonstruktion bekommt die auch im Original verwendete Musik: Reflets dans leau von Claude Debussy. Eine beeindruckende Arbeit, nicht zuletzt durch die Präzision der beiden tanzenden homunculus-Mitglieder. Zum Abschluss, als Klammer quasi, bringt Willi Dorner die Zeitzeugin und Tänzerin Ottilie Mitterhuber auf die Bühne. Sie macht in Worten und Gesten den Prozess des Erinnerns deutlich. Tastende Versuche, die nicht immer das Reale zutage bringen, das Gedächtnis kann trügen, der Körper auch Fehler speichern. Die Nachwelt hat nichts als die Erinnerung.
Österreich tanzt bietet noch bis 24. Juni täglich ab 19 Uhr ein dichtes Vorstellungsprogramm. www.festspielhaus.at/
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