Das Mysterium von Leben und Tod

Eine choreographische Psychoanalyse Tschaikowskys als Ballett-Theater von Boris Eifman beim Berliner Staatsballett

Tschaikowsky, Staatsoper unter den Linden, 07.05.2006.

Ballettintendant Vladimir Malakhov ist ein ganz außergewöhnlicher Coup gelungen, indem er für sein famoses Staatsballett Boris Eifmans zweiaktiges „Tschaikowsky“-Ballett (Uraufführung 1993 in St.Petersburg) einkaufte. Wer den russischen Choreographen kennt, weiß, dass er nur sehr selten eine seiner Kreationen an andere Compagnien weitergibt (Gyula Harangozó holt Eifmans „Anna Karenina“ für das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper; getanzt wird ab 24.11. in der Volksoper).
Die glanzvolle Premiere fand im Rahmen des erstmals abgehaltenen „International Dance Summit Berlin“ (4. - 14.5.) statt. Hier wurden dem ballettinteressierten Publikum vielfältige Veranstaltungen angeboten, darunter sozusagen Blicke hinter die Kulissen mit Wissenswertem über Kostüme (Tutu und Spitzenschuhe) bzw. Schminke sowie öffentliches Training oder moderierte Künstlergespräche mit TänzerInnen und Autogrammstunden.
Das Ballettprogramm bot neben dem George Balanchine-Abend der Berliner auch ein Gastspiel vom Tokyo Ballet mit „Don Quixote“ und Choreographien von Maurice Bejart.

Expressionistische Eindringlichkeit
Schon als Kind wollte Boris Eifman (damals mit seinen Eltern in sibirischer Verbannung lebend) Choreograph werden, später studierte er tatsächlich an der Waganova-Ballett-Akademie. Mittlerweile zählt er zu den bedeutendsten Choreographen der Gegenwart, der mit eigener Balletttruppe weltweit gastiert. Seine Stücke sind choreographische Psychoanalysen, bringt er doch mit vorliebe historische Persönlichkeiten auf die Bühne; so handelt der „Der Russische Hamlet“ von Peter dem Großen oder „Die rote Giselle“ von der Ballerina Olga Spessivtseva. Seine Werke sind dramatisch-packend und eröffnen mit ihrer intensiven Ausdrucksstärke eine zusätzliche effektvoll-plakative Dimension. Eifman´s Stil ist durch expressionistische Eindringlichkeit, fast derbe Brutalität gekennzeichnet; die feine ästhetische Eleganz wie man sie bei Petipa kennt, fehlt hier.

Ein Zerrissener
Der Mensch Tschaikowsky war zeitlebens ein Zerrissener zwischen Sehnsüchten und Realität, geheimnisumwittert auch sein Tod. Das Ballett-Theater (wie Eifman selbst seine Kreationen bezeichnet) „Tschaikowsky“ ist kein Handlungsballett im eigentlichen Sinn. In einer losen Szenenabfolge werden Leben und Tod des Komponisten skizziert und in Rückblenden erzählt. Im Fieberwahn am Sterbebett ziehen wie Nebelfetzen Figuren aus seinem Leben und seinen Werken an ihm vorüber. Carabosse, Drosselmeier und der Prinz als Ideal aus seinen Ballettkompositionen tauchen als schemenhafte Gestalten ebenso auf wie seine Gönnerin Nadeshda von Meck und seine Ehefrau. Durch die Einführung des „Alter Ego“ werden Tschaikowskys Nöte und Ängste gespiegelt, sichtbar gemacht und erläutert. Schwarze (männliche) Vögel und weiße (weibliche) Schwäne umgeistern ihn. Das Kartenspiel verschafft ihm nur kurzfristig Zerstreuung. Die finanzielle Abhängigkeit demütigt und quält ihn. Erlösung kann ihm nur der Tod bringen.
Die verwendete Musik stammt selbstredend ebenfalls vom Komponisten – es erklingen die Sinfonie Nr. 5. e-moll op.64, die Liturgie des Hl. Chrysostomos op. 41, 6.Satz, die Serenade für Streicher C-Dur op. 48 (2. und 3. Satz) sowie „Capriccio italien“ A-Dur op. 45 und die Sinfonie Nr. 6 h-moll „Pathetique“ op. 74 (4.Satz). Die Staatskapelle unter der Leitung von Alexander Sotnikov spielt mit viel russischer Seele.

Eine leidenschaftliche und meisterhafte Umsetzung
Vladimir Malakhov in der Titelrolle ist nicht wie gewohnt eine jünglingshafte edle Prinzenerscheinung, obwohl er seine körperlichen Vorzüge wie geschmeidig-biegsamer Rücken, hohe Beine und federleichte Sprünge dennoch zeigen kann. Er ist vielmehr ein von Selbstzweifeln geplagter Mann (mit täuschend echt geklebtem Bart) und Mensch, hofiert und umschwärmt von der noblen St.Petersburger Gesellschaft, der seine Ehe als Desaster erlebt und der an den Konventionen seiner Zeit letzt endlich zu Grunde geht. Er tanzt leidenschaftlich und schonungslos wie nie zuvor, sein perfekt modellierter Körper „spricht“ mehr als es ein Schauspieler mit Worten vermag. Beinahe durchgehend auf der Bühne, ist er eine charismatische Persönlichkeit auf der Suche nach Liebe und Erfüllung.
Alle anderen stehen es ihm in nichts nach. Ronald Savkovic bildet als „Alter Ego“ eine geniale komplementäre Ergänzung zu Tschaikowsky. Wie siamesische Zwillinge kommen die beiden voneinander nicht los, sind einander tänzerisch und künstlerisch gestaltend ebenbürtig. Als Tschikowsky schemenhaft heimsuchendes Gespenst erscheint Savkovic auch als Drosselmeier. Grandios Nadja Saidakova als seine liebeshungrige und verständnislose Frau, die langsam dem Wahnsinn verfällt. Wie eine gefährliche Spinne lässt sie ihren Mann als einmal eingefangene Beute nicht mehr los. Beatrice Knop überzeugt vielschichtig. Einmal ist sie als Nadeshda von Meck sein guter Geist und findet seelische Erquickung im Briefwechsel mit Tschaikowsky, dann aber bedroht sie ihn als Carabosse am Sterbebett und als Pique Dame, wenn er am Spieltisch sein Glück versucht. Dinu Tamazlacaru ist Prinz, junger Mann und Joker zugleich. Bei der Premiere im 2. Akt „aus dem Stand“ für den erkrankten Marian Walter eingesprungen, beeindruckt er durch Technik und Strahlkraft. Als prinzliches Ideal wendet er sich hochmütig von seinem Schöpfer ab. Er geht seinen eigenen Weg mit dem Mädchen (reizend: Iana Salenko).
Eine Meisterleistung vom gesamten Ensemble und ganz besonders von den hervorragenden SolistInnen. Die begeisterten Zuschauer jubelten; lang anhaltender Beifall!

Ira Werbowsky

Online am: 15.05.2006, © www.tanz.at