Schwanensee hausgemacht

Shoko Nakamura ist als weißer Schwan so bezaubernd wie als schwarzer verführerisch

Schwanensee, Wiener Staatsoper, 12.05.2006.

Natürlich kann es nach dem „berauschenden Schwanensee“ (27.4.2006) der russischen Gaststars an der Staatsoper kaum eine Steigerung geben. Die letzten beiden Vorstellungen der Serie waren jedenfalls nicht „unterkühlt" (30.3.2006), wenn auch hausgemacht. Solotänzerin Shoko Nakamura ist nicht nur eine technisch perfekte und sicher auf der Spitze stehende Odile / Odette, sondern schafft es auch, den beiden Frauenfiguren Leben einzuhauchen. Als kühle Odette besticht sie durch ihr Port de Bras. Vom Entrée an strahlt sie Einsamkeit und Verlorenheit aus – auch wer die Handlung nicht kennt, ahnt, dass dieser Liebesgeschichte kein glückliches Ende beschieden ist. Ihr Partner, Giuseppe Picone, gehört auch schon längst zum Haus, ist der 30jährige Napolitaner doch seit 1999 ständiger Gast in Wien. Ein wahres Göttergeschenk, das Renato Zanella dem Ballettfans noch gemacht hat. Picone weiß, was er wert ist und tanzt sich seinen Siegfried nach Pläsier zurecht, ohne Rudolf Nurejews choreografische Vorgaben sklavisch zu erfüllen. Mit hohen Sprüngen, großartigen Tendus und sprühendem Charme zieht er eine prinzliche Show ab, die ihm die verdienten Ovationen bescherte. Shoko Nakamura ist ihm aber auch eine zauberhafte Partnerin, die ihren Prinzen ganz schön ins Schwitzen brachte. Als Odile sprüht sie eiskalte Anmut, bösartige Verführungskunst, triumphale Noblesse; als unerlöste Odette hüllt sie sich in schwebende Trauer und Resignation. Erfreulicherweise konnte auch das Corps de ballet Glanz und Harmonie der „berauschenden“ Aufführung halten. Zum Gelingen dieses rundum herzeigbaren Abends hat auch Dirigent Kevin Rhodes beigetragen, der dem Publikum Kusshände zuwarf, so erfreut war er über den frenetischen Applaus im ausverkauften Haus.

Letzte Schwanensee-Vorstellungen dieser Saison: 22. und 28. Mai, mit Gregor Hatala als Partner von Shoko Nakamura.

Ditta Rudle

Online am: 15.05.2006, © www.tanz.at