Augenschmaus

Mit einem, in Österreich noch nie gezeigtem Programm, bewies die Paul Taylor Dance Company die Kraft und Bandbreite ihres Meisters.

Paul Taylor Dance Company, Festspielhaus St. Pölten, 06.05.2006.

Die Superlative, die den Tänzer und Choreografen, Gründer der gleichnamigen Dance Companay, Paul Taylor, seit Jahren begleiten, sind kaum noch zu zählen. Schon zu Lebzeiten heilig gesprochen, ist der 76jährige Meister vor allem in seiner Heimat den USA unantastbar. Im Vorjahr feierte seine Company ihren 50. Geburtstag und aus dem Festprogramm stammt auch das erste Stück, das die jungen Tänzerinnen und Tänzer der Paul Taylor Dance Company in St. Pölten zeigten. Stolz vermerkt das Programmheft, dass die Aufführung ein „Europäisches Exklusivgastspiel“ ist, was diesen Frühjahrstermin betrifft, auf jeden Fall.
Ganz passend zur Jahreszeit eröffnete die Company also mit „Spring Rounds“ (Europapremiere), einem federleichten romantischen Tanzstückerl zum Divertimento op. 68 (nach Couperin) von Richard Strauss. In zartgrünen Kostümen führen Satyrn und Elfen einen heiteren Maienreigen auf, der das Gehirn durchlüftet und die Herzen leicht macht. Paul Taylor selbst war es, der von seinen Choreografien als „Futter für die Augen“ sprach – mit „Spring Rounds“ servierte er ein duftendes Entree.
Wie breit das Spektrum Taylors (und seiner TänzerInnen) ist, zeigte das Ensemble danach mit dem 1977 uraufgeführten dunklen Stück „Dust“. Irgendwann am Ende der Zeit ist der Himmel nicht mehr blau, sind die Menschen nicht mehr fröhlich und zufrieden. Mit verbogenen Gliedmassen, hohlwangig, teilweise blind und lahm schleppen sie sich durch die Weltendämmerung. Bedrohlich hängt ein schwarzes Seil im Hintergrund. Tote Körper werden weggeschleift, die Molltöne von Francis Poulenc „Concert Champêtre“ für Cembalo unterstreichen Resignation, aber auch trotzige Auflehnung. Dass das finstere Thema der Schönheit und Energie des Tanzes keinen Abbruch tut, das ist ein Teil der Kunst des Choreografen. Paul Taylor ist ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert, ein Choreograf, der Ohren hat und die Musik aufnimmt, sie den Körpern einflößt und aus beidem – Klang und Bewegung – eine neue Einheit bildet. Ob Poulenc oder Bach – jede Komposition wird bei Taylor zur Ballettmusik. Für „Dust“ hat Gene Moore die Kostüme entworfen, bemalte Bodystockings, die die Körper der TänzerInnen nackt erscheinen lassen. Die bunten Tätowierungen sind der Schimmer Hoffnung, der am Ende des Schaukonzerts als Lichtstrahl Linderung aller Schmerzen verspricht.
Auch wenn er, Schüler von Martha Graham, keine Geschichten erzählt, so spricht Taylor doch zu uns, in seiner eigenen Sprache. Der Doyen amerikanischer Tanzkritiker, Clive Barnes drückt das so aus: „Seine Botschaft ist der Tanz und manchmal ist der Tanz auch eine Botschaft.“ In „Spring Rounds“ ist es also der Tanz an sich, von dem gekündet wird, in „Dust“ spricht Taylor von der Humanitas, dem Menschsein. Das letzte gezeigte Stück, „Promethean Fire“ (noch eine Europapremiere), so will ich konstruieren, zeigt sich als Botschafter der Musik. Taylor wählte ein Werk eines seiner Lieblingskomponisten, Johann Sebastian Bach; Toccata und Fuge d-moll, BWV 565. Allerdings in der einmaligen und noch lange nach seiner Entstehungszeit in den 1930 Jahren als Skandal betrachteten Orchesterfassung von Leopold Stokowski. Berühmt gemacht hat Walt Disney die Bearbeitung in seinem (von Stokowski dirigierten) Zeichenfilm „Fantasia“, in dem die Klänge der „Toccata“ in ein abstraktes Gemälde umgesetzt wurden, das in allen, die den Film gesehen haben, einen unauslöschlichen Eindruck hinterließ. Ganz sicher hat auch Taylor „Fantasia“ gesehen, denn auch er malt ein abstraktes (und wie im Film sich ständig veränderndes) Bild, das sich ganz der Musik anschmiegt, sie ergänzt und darstellt. „Promethean Fire“ ist 2002, also nach den Terroranschlägen vom September 2001, entstanden und Interpreten sehen in der strengen Choreografie, mit Bildern von sich verschlingenden und türmenden Körpern, gern eine symbolische Darstellung des Geschehens im „Ground Zero“. Dazu verführt wird man wohl auch durch die Schlusssequenz, die zu Bachs Choralvorspiel „Wir glauben all an einen Gott“ getanzt wird. Sei’s drum, „Promethean Fire“ ist vor allem eine Hommage an Bach (und Stokowski), ein gelungener Versuch, Musik sichtbar und transparent zu machen. In Anlehnung an Taylors Diktum vom Augenfutter, dürfen wir am Ende dieses Abends ganz banal, satt und zufrieden, sagen: Nicht nur unsere Augen, auch unsere Herzen und Gehirne, haben gut gespeist.

Ditta Rudle

Online am: 08.05.2006, © www.tanz.at