Site in Sight

Das Grazer Tanzfestival im Minoriten Kulturzentrum bot der heimischen Szene eine Plattform und Begegnung mit KollegInnen aus Slowenien – und verblüffte mit der profilierten Solotänzerin Christina Medina.

Short Cuts Festival, Minoriten Kulturzentrum , 25.04. bis 27.04.2006.

Graz will, braucht, bemüht sich um ein Tanzhaus, bzw. um einen identitätsstiftenden Ort für den Tanz in der Stadt. Bereits im Jahr 2004 gab es eine konzertierte Aktion der wichtigsten TanzaktivistInnen, nun wurde das alljährlich stattfindende Tanzfestival im Minoriten Kultuzentrum für die Veranstaltung „Site in Sight. Dance@Work“ genützt. Seit einigen Jahren ist das Festival Ort der Begegnung mit Tanz aus den Nachbarländern, heuer lud Kuratorin Eveline Koberg Künstler aus Slowenien zum „Short Cuts Festival“ (25. bis 27. April) ein.
Da man erstmals mit diesem Festival die Grazer Szene fördern wollte gab es auch Stücke von heimischen Gruppe / Solisten zu sehen sowie ein Workshop-Projekt, an dem sechs junge (angehende) Tänzerinnen aus Graz teilnahmen. Die Workshops unter der Leitung der slowenischen Choreografin Andreja Rauch fanden an sechs Wochenenden zwischen Jänner und April 2006 statt. Das in den Workshops erarbeitete Material strukturierte Rauch zu einer Präsentation im Stiegenaufgang des Kulturzentrums. Choreografierte und improvisierte Bewegungssequenzen auf zwei Ebenen des Stiegenaufgangs, Videoeinspielungen und Jure Pukl am Saxofon ergaben ein durchaus stimmiges Event.
Danach gings ins Theater, wo Mona May mit „mo.ment.e“ die Short Cuts eröffnete. In der Mitte schält sich eine Figur aus einem Kokon und entfaltet sich zu einer großen, weiß gekleideten Gestalt in Tüllgewändern, die einen Text deklamiert. Zu ihrer beider Seiten ziehen zwei Tänzerinnen ihre Bahnen. Die Geometrie der Bewegungsführung steht hier in starkem Kontrast zu einem Text, der akustisch unverständlich bleibt und vor allem durch sein Pathos hervorsticht.
Mojca Kasjak und das Plesna Izba Maribor zeigten ein sehr naives Stück Tanztheater, während sich der Tänzer Igor Sviderski vom Plesni Teater Ljubljana von vier Choreografen je eine von Vivaldis Jahreszeiten-Zyklus auf den Leib schreiben ließ. In Graz präsentierte er sich in Ausschnitten daraus (Herbst und Winter) als wendiger Tänzer.
Als Ersatz für den kurzfristig abgesagten Auftritt von Eva Brunner zeigten Sarah Elizabeth Hammer und Alexandra Waidacher des Austrian Youth Ballet ein Work in Progress, in denen die zwei Tänzerinnen verschiedene Beziehungsebenen untersuchen.
Die Choreografie stammte von Christina Medina, die als Solistin diesem Abend eine besondere Note verlieh. Die gebürtige Kanadierin mit philippinischen Wurzeln und Wahlgrazerin zählt wohl zu den eindrucksvollsten SolistInnen des zeitgenössischen Tanzes. (Im März dieses Jahres wurde sie beim 10. Internationalen Solotanzfestival Stuttgart von der Jury einstimmig mit dem ersten Preis ausgezeichnet.) Ihr Solo „mouths that hang unspeakable“ ist eine intensive Auseinandersetzung mit inneren Konflikten, Wünschen und Zweifeln. Christina Medina verkörpert jene attraktive Mischung aus drei Kontinenten und verbindet außergewöhnliche Bühnenpräsenz mit technischer Brillanz und choreografischem Stilgefühl. Man wird Zeuge einer Performance, bei dem jede Geste eine Bedeutung hat, jeder Schritt ein choreografisches Statement ist.
Der am Ende des Abends vergebene Publikumspreis ging denn auch an Christina Medina. Apropos Publikum: Über mangelnden Zulauf konnte sich das Festival am Eröffnungsabend nicht beklagen, denn die Zuschauer stürmten die Kasse förmlich. Die Zeit für ein Grazer Tanzhaus scheint also reif zu sein.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 02.05.2006, © www.tanz.at