Im Stachelpanzer gegen den bösen Onkel |
Giftige Flügel befasst sich eindrucksvoll mit dem heiklen Thema des Missbrauchs |
Giftige Flügel, Dschungel Wien, 28.04.2006. |
Laura ist ein fröhlicher Teenager, mal albern und aufgedreht mit ihren FreundInnen, dann wieder nachdenklich und still. Die allein erziehende Mutter hat mehr Augen für den smarten Nachbarn als für die Tochter. Dass der sich handgreiflich für die Heranwachsende interessiert, merkt sie nicht. Oder will sie nicht bemerken. Laura fühlt sich nicht wohl, sie hat Angst und ist wütend, doch ist niemand da, dem sie sich anvertrauen kann. Da wachsen ihr giftige Flügel, silbernen Stechpalmen gleich. Damit kann sie sich wehren, den ekligen Onkel bannen. Mit dem Malstift macht sie ihre Nöte konkret, der lästige Nachbar wird zum Weißen Ritter, den Laura im Kampf besiegen kann. Ein erster Schritt ist getan, irgendwann wird Laura auch wieder unbeschwert lachen können. Der Kinderbuchautor Heinz Janisch hat das Thema als Grundlage für ein Tanzstück geschrieben; mit Unterstützung der versierten Theaterautorin Lilly Axster hat Karin Steinbrugger eine Choreografie geschaffen, die die anspruchsvolle Thematik bruchlos auf die Bühne bringt. Mit dem Ensemble von homunculus und der jungen Tänzerin Indira Nuñez gelingen 50 Minuten voll Spannung und Ernsthaftigkeit, in denen aber auch der Humor seinen Platz hat. Das Team Janisch /Steinbrugger hat schon mit der erfolgreichen Produktion Red caps / Rotkäppchen reloaded (2004) gezeigt, dass sie auf junge ZuschauerInnen eingehen und mit der Sprache der Körper deren Gedanken und Gefühle vermitteln können. Perfekt gelingt Steinbrugger mithilfe der Musik von Martin Kratochwil (Eigenkompositionen und Arrangements von Rock und Pop) den realistischen vom magischen Raum zu trennen und auch die Welt der Erwachsenen scharf von der der Teenager abzugrenzen. Das intensive Studium der Thematik durch das gesamte Team und gründliches Proben haben sich bezahlt gemacht. Die Tänzerinnen arbeiten mit Engagement und Freude an der Bewegung und setzen auch schauspielerisches Talent ein. Martina Haager, Eva Müller, Gisa Schafzahl, Natalie Trs und Kun Chen Shih gehören zum Ensemble von homunculus; Max Steiner, ehemaliges homunculus-Mitglied hat die schwierige Rolle des übergriffigen Onkels übernommen und scheut sich nicht, echt abstoßend und schmierig zu sein. Nuñez als heranwachsende Laura zeigt Körperbeherrschung eine gefühlsmäßige Bandbreite, wie sie Teeangern zusteht: Mal kindisch, mal ganz erwachsen. Das mobile Bühnenbild stammt von Markus Kuscher, der sich auch einfallen ließ, die Flügel aus metallischen Jalousieteilen zu basteln. Der Sieg über den Weißen Ritter ist für Laura keineswegs ein Sprung in die wieder heile Welt. Die größten Stacheln werden zwar abgelegt, doch eine Weile wird sie ihre Bewaffnung noch behalten. So tiefe Wunden heilen nicht mit einem Schlag. Wie gut das Team den Ton getroffen hat, zeigte das lebhafte Interesse (am Tanz, den TänzerInnen und auch an der Lösung der dargestellten Probleme) mit dem die jugendlichen ZuschauerInnen am anschließenden Gespräch mit dem Team teilgenommen haben.
Giftige Flügel wird im Dschungel vom 9. bis 13. Mai auch vormittags gezeigt. www.dschungelwien.at
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Ditta Rudle |
Online am: 02.05.2006, © www.tanz.at |