Cabaret auf Tango |
Anastasio Ferrer / Luigi Zola & Company versuchen sich an einer Tango-Version von Cabaret |
Cabaret , Schauspielhaus Graz, 07.04.2006. |
Die Grazer Tanzszene ist überschaubar. Die Keyplayer sind an einer Hand aufzuzählen. Seit 2002 gehört das Tango-Duo Anastasia Ferrer und Luigi Zola dazu, das nach einer Einladung der Bühnenwerkstatt Graz seinen Wohnsitz in die beschauliche Stadt an der Mur verlegte. Ursprünglich vom klassischen Ballett kommend hat sich die gebürtige Bremerin Ferrer nach Ausbildungen im Ballettinternat Gsovsky (D) und in Tilburg (NL) dem Tango argentino verschrieben. Ihr Partner wurde Luigi Zola, gebürtiger Tscheche, der mit 19 nach Holland flüchtete und dort als Tänzer reussierte.
Ihr neues Stück Cabaret (es ist ihre fünfte Grazer Eigenproduktion) haben sie nun im angemieteten Schauspielhaus präsentiert. Ein wagemutiges Unterfangen, denn im Vergleich zu Wiener Verhältnissen, müssen die freien Gruppen in Graz mit sehr geringen Subventionen auskommen. Ferrer und Zola haben sich mit einer Reihe von Sponsoren über die Runden retten können. Respekt!
Der zweistündige Abendfüller orientiert sich vorwiegend am gleichnamigen Film von Bob Fosse. Das politisch-gesellschaftliche Umfeld wird anhand von Videoprojektionen (Renate Sterlika) vermittelt. In einem sehr gut montierten Zusammenschnitt von historischen Aufnahmen, Zeichnungen und Karikaturen von George Grosz wird einerseits das Zeitbild der frühen 1930-er Jahre vermittelt. Andererseits wird mit Fotos der Darsteller der Handlungsfaden des Bühnengeschehens weitergesponnen.
Der Musik kommt eine dramaturgisch tragende Rolle zu. Grundlage sind der Soundtrack zum Film sowie Live-Musik aus dem Orchestergraben. Das Ensemble Ars Harmoniae der Musikschule Gleisdorf unter der Leitung von Rudolf Plank spielt Astor Piazzolla und Georg Aranyi-Aschner.
Auf der Bühne stehen das Show-Programm des Kit Kat-Club und die Beziehung zwischen Sally, Brian, Max, Fritz und Natalia im Blickpunkt. Neben Ferrer als Sally und Zola als Conferencier agiert eine Gruppe engagierter Hobbytänzer, die seit September letzten Jahres einer intensivierteren Trainingsphase folgte. Ausnahme: der ehemalige Balletttänzer Eugen Turba, der in der Rolle des Max ein Bühnen-Comeback feiert. Insgesamt bietet die Gruppe einen interessanten Generationen- und Typenmix.
So weit, so gut. Hinter dem stringenten Inszenierungskonzept bleibt allerdings die Umsetzung auf weiten Strecken zurück, vor allem deshalb, weil der emotionale Ausdruck viel zu sehr im Klischeehaften verhaftet bleibt.
So verlässt sich die Choreografie mehr auf Pantomime als auf den Tanz. Die Tango-Variationen kommen selten über die Anfangstakte hinaus und enden in Posen und mimischen Gesten. Das Beinspiel zeigt wenig Abwechslung und scheint sich auf (Ferrers) lange Beine zu konzentrieren. Die Differenzierung des heutigen Tango argentino, der sehr wohl das breite emotionale Spektrum vom traurigen Gedanken bis zur unbeschwerten Lebensfreude auszudrücken vermag, bleibt aus. Die Erotik erinnert an das Flair des (europäischen) Tango à la Dancing Stars keine Spur von der divine decadence (Sally Bownes im Film Cabaret), die man ja auch dem Tango gerne nachsagt.
Die stärksten Szenen gibt es jeweils am Anfang der beiden Akte: Der Anfangswalzer als Ausdruck der heilen deutschen (Nazi-)Welt zu Beginn der 1930er Jahre, und im zweiten Akt der Hochzeitstanz von Fritz und Natalia (Susanna Gugliana und Stefan Kouba) sowie die Affennummer des Conferenciers (If you could see her).
Freilich, die Vorbilder des Films sind wohl für niemanden erreichbar. Liza Minelli und Joel Grey sind einzigartig und jeder Versuch, ihnen nachzueifern muss scheitern. Eine stärkere Konzentration auf den Tango-Aspekt oder eine andere inhaltliche Perspektive auf das Thema hätten diesen Vergleich erst gar nicht aufkommen lassen sollen.
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Edith M. Wolf Perez |
Online am: 10.04.2006, © www.tanz.at |