Im Gefühlsrausch

„Onegin“ von John Cranko hält Einzug ins Repertoire der Wiener Staatsoper

Onegin, Wiener Staatsoper, 08.04.2006.

Es ist ein Ballett der großen Pas de deux und der großen Emotionen. Alles läuft auf das Finale zwischen Onegin und Tatajana hinaus. Am Ende bleibt sie allein, verzweifelt und ihres Lebensglücks betrogen an der Bühnenrampe zurück.
Puschkins Geschichte „Eugen Onegin“, die Tschaikowsky in eine Oper gegossen hat, hat John Cranko 1965 als Ballett auf die Bühne gebracht. Um aber die Konkurrenz zur Oper zu vermeiden, wurde die Musik für das Ballett geändert bzw. neu erfunden. Kurt- Heinz Stolze arrangierte unbekannte Klavierstücke des Komponisten und Teile von Francesca da Rimini in einer musikdramaturgisch stringenten Orchesterpartitur.
Die Geschichte ist aber dieselbe: Onegin, ein Dandy aus St. Ptersburg, ist zu Besuch auf dem Land und wird von seinem Freund Lenksi in das Haus der Witwe Larina gebracht, die mit Olga und Tatjana zwei Töchter im heiratsfähigen Alter hat. Die quirlige Olga verliebt sich gleich in Lenski, die stille und schüchterne Tatjana entbrennt leidenschaftlich für Onegin. Sie schreibt ihm einen glühenden Liebesbrief. Onegin reagiert irritiert, zerreißt vor ihren Augen den Brief und beginnt mit Olga zu tändeln. Daraufhin wird Lenski eifersüchtig und fordert zum Duell, dem er erliegt. Zehn Jahre später verliebt sich Onegin vehement in die inzwischen mit Fürst Gremin verheiratete Tatjana. Er schreibt ihr einen Brief. Nun ist sie es, die ihn abweist und den Brief zerreißt.
Die Handlung des Balletts konzentriert sich ausschließlich auf die psychologische Ebene der Protagonisten. Gesellschaftliche Bezüge bleiben ausgeklammert. Nachdem Onegin Tatjanas Brief diskret für sich behält, wird etwa der Mut, den Tatjana haben muss, um als Frau der 1820er Jahre einen Liebesbrief an einen Mann zu schicken, nicht thematisiert.
Daher macht auch die bedrückende schwerfällige Bühnendekoration im ersten Akt einen altmodischen, aber keinen sinnstiftenden Eindruck. Auffallend jedoch, dass die Ausstattung (Elisabeth Dalton) zunehmend reduziert und transparenter wird. Während Tatjanas Zimmer im ersten Akt wie ein Warenlager für schwere Brokatstoffe ausschaut, ist ihr Boudoir im letzten Akt beinahe leer geräumt.
Crankos „Onegin“ ist eines der erfolgreichsten Stücke der Ballettliteratur des letzten Jahrhunderts – teuflisch schwer zu tanzen und in einer Zeit der großen Gefühlsarmut auch schwer zu spielen.
Bei der Premiere an der Wiener Staatsoper übernahmen mit Jirí Jelinek und Sue Jin Kang ein Erster Solist und eine Erste Solistin beim Stuttgarter Ballett die Hauptrollen. Sie entwickelten die Geschichte um Liebe und Ablehnung in einem mitreißenden Gefühlscrescendo, das sich - von Tschaikowskis Musik unter der sensiblen Stabführung von Vello Pähn getragen – zu ekstatischem Pathos steigert. Einen souveränen und sympathischen Partner gibt Wolfgang Grascher als Fürst Gremin ab. Eno Peci als Lenski und Maria Yakovleva als Olga müssen an ihren Rollen noch viel arbeiten, sie hatten bei der Premiere noch sehr mit den technischen Tücken der Choreografie zu kämpfen.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 10.04.2006, © www.tanz.at