Die Leiche lebt

Compagnie Loulou Omer spult „A Story of Murder“ zurück

A Story of Murder, WUK, 05.04.2006.

Zwei Frauen, zwei Sessel, ein Tisch. Die Bühne schmal wie ein Laufsteg, im Hintergrund bemalte Glasfiebertafeln als Videowall, im Vordergrund, zwischen dem Publikum und dem Ort des Geschehens, der Gitarrist Steve Gibbs. Unerschütterlich spielt er Suiten, Präludien und Fugen aus dem Lautenwerk Johann Sebastian Bachs. Die Musik ist schön, schnurrt wie ein Uhrwerk in die Ohren des Publikums, beruhigt das Gemüt während die beiden Frauen auf der Bühne immer wieder aus der Pistole feuern. Warum wird hier gemordet?
Versprochen ist von der Choreografin und Tänzerin Loulou Omer, dass am Ende der Trilogie „A Story of Murder“ der Anfang, vielleicht eine Lösung der Geschichte, gezeigt wird. Einem rückgespulten Film gleich „läuft die Handlung rückwärts zu den Ereignissen ‚vor dem Mord’“ sagt der Programmzettel. Doch der Leichen sind zu viele. Die eine stirbt wie die andere, Mittänzerin Anna Mendelssohn ist die schönere Leiche, weich und gelöst sinkt sie in die Arme der Mörderin, wankt als Zombi über die Bühne mit verdrehtem Hals, durchgebogenem Rückrat. Steve Gibbs spielt Bach.
Auf der Videowand erscheint vor den sich öffnenden und schließenden Blütenzweigen die Ankündigung der Akte und mögliche Szenentitel („Die schöne Tänzerin“, „Die Jagd“), die Frauen hantieren mit der Pistole, richten sie gegeneinander, bedrohen auch schon mal den Gitarristen. Der weiß dass man auf ihn so wenig schießt wie auf den Pianisten und bleibt ungerührt. Die Pistole, klein und wenig mörderisch knackend, verkommt zum handlichen Requisit, zum achtlos gebrauchten Spielzeug. In dieser Story ist der Tod nicht endgültig, der Mord kein Verbrechen sondern eine Übung auf der Bühne. Weder erschreckend noch brutal.
Die beiden Tänzerinnen Loulou Omer und Anna Mendelssohn beschränken sich in den meisten Szenen (zerhackt, wiederholt und oft auch erstarrt wie Filmkader) auf expressive Pantomime, schieben den Tisch und die Sessel herum, setzen mit den Stöckelschuhen knallende Zeichen und können doch nichts mitteilen. Da helfen auch die englischen Sätze aus dem Lautsprecher nichts. Omer hat großartige Ideen im Kopf, kann anschauliche Konzepte schreiben und bringt sie dann oft nur bruchstückhaft und zerfahren, mit plakativ eingesetzten Banalitäten gespickt, auf die Bühne. Die mörderische Geschichte geht nicht auf und das angestaubt wirkende Tanztheater ist in meinem Kopf bereits zu Ende, wenn gerade der dritte Akt beginnt. Wirklich notwendig ist er nicht. Doch der virtuose Steve Gibbs hat noch eine Partitur im Kopf. Bach passt immer.

Ditta Rudle

Online am: 06.04.2006, © www.tanz.at