Ein Hormonchaos

Österreichische Uraufführung von Enda Walsh’s „Chatroom“

Chatroom, Dschungel Wien, 31.03.2006.

Corinne Eckenstein ist wohl eine der produktivsten Regisseurinnen in Wien, die sich mit Themen für Jugendliche ab 14 auseinandersetzen. Nach dem hinreißenden „Verhüten und Verfärben“ (Text: Lili Axter), das kürzlich seine Dernière hatte, brachte sie nun ein Stück des irischen Erfolgsautors Enda Walsh als österreichische Premiere im Dschungel Wien heraus. Sechs Jugendliche treffen sich in einem Chatroom. Sie sind alle um die 15 und leben in derselben Stadt (in diesem Fall in Wien) und verwenden Aliasnamen, um anonym zu bleiben.
Es beginnt mit Smalltalk, und steigert sich bald zu Frust-Attacken auf J.K. Rowling, Britney Spears. Die psychosozialen Voraussetzungen der sechs Charaktere werden offensichtlich.
Dann trifft „Jim“, der Suizidgefährdete, auf „Che Guevara“, der unbedingt „ein Zeichen setzen“ will. Ein missionierender Charakter, verbissen und fanatisch, der in „Rosa von Luxemburg“ eine Verbündete findet. Sie wollen Jim helfen. Doch wollen sie ihm nicht einen Selbstmord ausreden, sondern sehen darin die Gelegenheit, ihre Ambitionen zu verwirklichen – welche das genau sind bleibt freilich verschwommen. Jedenfalls versuchen sie Jim dahingehend zu manipulieren, dass er seinen Selbstmord öffentlich macht und damit ein Zeichen für die Teenager gesetzt wird. „Sailor Moon“, „Momo“ und „Jack“ intervenieren gerade rechtzeitig und Jim setzt ein Zeichen - als Clown verkleidet tanzt er wie wild auf einer Bank auf dem Stephansplatz.
Walsh zeichnet ein bedrückendes Bild einer Generation, der der Sinn abhanden gekommen scheint. Das Internet ist bei ihm nicht eine weltumspannende Kontaktbörse, sondern ein Treffpunkt gestörter Einzelgänger, für die Revolution sozialromantisches Heldentum bedeutet. „Wir sind Teenager“, sagt Che, „Das hat mal was bedeutet. Da ging’s um Revolution, oder nicht?“ Zum heutigen Teenager meint er an anderer Stelle: „Ein Teenager ist eine Unperson, ein Hormonchaos.“
Corinne Eckensteins Inszenierung bleibt scharf am Text, mit dem sich die jugendlichen Darsteller sehr ernsthaft auseinandergesetzt haben. Bewegungsinterventionen und Videos sind dramaturgisch behutsam gesetzt. Dass das Opfer Jim als einziger nicht Hochdeutsch, sondern wienerisch spricht, ergibt einen reizvollen Kontrast. Eine Produktion, die betroffen macht und lange nachwirkt.
Weitere Vorstellungen: 3. bis 7. April

Edith M. Wolf Perez

Online am: 03.04.2006, © www.tanz.at