39 Steps |
Das Schreibstück von Thomas Lehmen in einer neuen Version des tänzerischen Dreigesangs |
Schreibstück, Tanzquartier Wien, 30.03.2006. |
Ein Abend, drei Stücke. Ein Ansatz, drei Interpretationen. Choreograf Thomas Lehmen hat sich für sein Schreibstück auf Worte beschränkt, eine Partitur mit 39 Handlungsvorgaben verfasst, und es drei Teams aus drei Tänzern und einem Choreografen überlassen, diesen strengen Rahmen tänzerisch wie dramaturgisch auszufüllen und auszureizen: Warten und Zuschauen, Arbeiten, Ficken, Sterben, Denken oder einfach Nichts. Die Anweisung ist knapp, die Zeit auch. Eine Minute steht zur Verfügung, um je ein Thema zu behandeln, erklärende Worte sind nur manchmal gestattet. Stoppuhr oder Wecker wachen unbarmherzig. Seit der Uraufführung 2002 bereits 18 Mal zur Aufführung gebracht, hatte eine neue Version des tänzerischen Dreigesangs ihre Uraufführung im Wiener Tanzquartier. Unterstützt von IDEE (Initiatives in Dance through European Exchange) erarbeiteten Tanzverein Erdberg mit der Choreografin Andrea Bold, Anne Grete Eriksen und Leif Hernes vom Osloer dansdesign sowie Rebecca Walter mit zwei Tänzern und einer Tänzerin aus dem irischen Cork jeweils ihre Parts des dreistimmigen Kanons, die auf der Bühne des TQWs erstmals an- und ineinandergefügt wurden. Ein interessantes Konzept, das zwischen den Extremen einer sehr präzisen inhaltlichen Vorlage und den zwei völlig unbekannten Größen die beiden anderen Choregrafien einen spontanen inszenatorischen Raum entstehen lässt, der Reibungsflächen und Einklang zwischen den drei Interpretationen offen legt und die Trios unmittelbar dem Vergleich aussetzt. Anne Grete Eriksen und Leif Hernes haben das Konzept des Stücks auch in ihre Choreografie transponiert, ihre drei Tänzerinnen bilden immer wieder eng verwoben ein Ganzes, verschlingen sich ineinander, fügen sich zu einer Figur, stoßen sich voneinander, oder formieren sich zu zweit und allein, bewegen sich gegeneinander, um miteinander wieder neu zu entstehen. Seine Dynamik erhält der Abend dank Andrea Bolds absurd-komischer Auslegung der ernsten Grundfragen des Seins. Ihr ist es gelungen, mit ihren drei Performern knapp und reduziert die dramatischen Miniaturformate mit szenischem Witz voller (Selbst-) Ironie und Tiefe zu füllen. Der Drive, den die Wiener Version von Schreibstück durch die drei Männer in den weißen T-Shirts und den beigen Hosen bekommt, hält auch noch an, als sie längst ihren Platz Rebecca Walters Trio überlassen haben und das Konzept langsam sich selbst zu bedienen und sich nach 70 Minuten zu erschöpfen beginnt.
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Karin Schiefer |
Online am: 03.04.2006, © www.tanz.at |