Schwebende Töne und wirbelnde Tänzer

Steve Reich, die London Sinfonietta und Akram Khan im Wiener Konzerthaus

Variations for Vibes, Pianos and Strings, Wiener Konzerthaus, 26.03.2006.

Er ist einer der erfolgreichsten Komponisten zeitgenössischer Musik, wobei sich bei Steve Reich die Unterscheidung zwischen E und U ad absurdum führt. Denn mehr als von seinen Lehrern Berio und Milhaud wurde der US-Amerikaner jüdischer Abstammung vom Jazz, von afrikanischer Musik und von der pulsierenden Rhythmik des Lebensstils im späten 20. Jahrhundert geprägt. Außerdem kommen im Oeuvre des heute 70-Jährigen auch immer wieder andere Kunstformen wie bildende Kunst, Video und vor allem Tanz vor.
Eine Reihe von ChreografInnen haben seine Musik „vertanzt“. Anne Teresa De Keersmaekers Arbeiten wie „Fase“, „Drumming“ und „Rain“ sind in bester Erinnerung, waren sie doch beim Impuls Tanzfestival in den letzten Jahren immer wieder einmal zu sehen.
Im Rahmen eines EU Kultur 2000 Projekts hat nun die European Concert Hall Organisation ein Auftragswerk an Steve Reich für die London Sinfonietta und an Akram Khan für die Choreografie vergeben. Die Premiere von „Variations for Vibes, Pianos and Strings“ fand am 18. März in Köln statt, ein paar Tage danach war sie in Wien zu sehen.
Die Kombination ist ein Glücksfall, denn der 32-jährige Akram Khan, der ursprünglich als Kathak-Tänzer ausgebildet wurde, versteht nicht nur die komplexe Rhythmik, sondern bringt Reichs Komposition eine emotionale Affinität entgegen. Der in Bangladesch geborene und in London aufgewachsene Tänzer bringt kosmopolitisches Verständnis, verspielten Humor und solides Handwerk mit und erweist sich damit als ebenbürtiger Partner des Komponisten.
So wie sich in Reichs Musik die Töne mit natürlicher Leichtigkeit zu einem Klangbild formen, so fügen sich die Bewegungen der Tänzer in die Partitur ein. Khan, der „Meister des Wechsels zwischen Schnelligkeit und Ruhe“ kann sich hier ganz auf seine Stärken verlassen. Die dynamischen Drehungen erzeugen einen wirbelnden Sog und dynamische Gesten bleiben plötzlich in der Luft hängen, die Choreografie setzt ganz auf das Echo und den Nachhall von Bewegungen und erfasst damit eine Charakteristik der Komposition mit ihrem in der Luft schwebenden Klang.
Attraktiv sind aber auch die Unterschiede. Für seine Choreografie hat Akram Khan die Tänzer Gregory Maqoma (er ist künstlerischer Leiter bei Moving into Dance in Johannesburg, Südafrika) und den Koreaner Young Jin Kim eingeladen und damit weitere kulturelle Ebenen eingefügt, die sich im Bewegungsduktus widerspiegeln.
Während Reichs Kompositionen mit der Präzision der Musiker steht und fällt (großartig: die London Sinfonietta unter der Leitung von Brad Lubman), erlauben sich die drei Tänzer auch in ihren Unisono-Passagen den Luxus der Ungenauigkeit und erhöhen so die Dynamik des Tanzes zusätzlich. Mit dieser Zusammenarbeit hat sich Akram Khan zweifellos in die Reihe der musikalischsten Choreografen unserer Zeit an vorderer Stelle eingereiht. Und er hat auch gezeigt, dass Tanz ohne großen technischen Aufwand in Szene gesetzt werden kann - die unaufdringliche, aber wirkungsvolle Lichtregie stammt von Fabiana Piccioli.
Mit dem fiktiven Telefongespräch, das Gregory Maqoma frontal zum Publikum schauend führt, ist ein cleverer Einstieg gelungen. Es gibt den (nicht immer tanzkundigen) Konzertbesuchern einen Einblick in die choreografische Arbeit – kurz und kurzweilig und doch erhellend. Für ihn, so sagt der Südafrikaner sinngemäß, ist diese Arbeit insofern vertraut, als er doch aus einem Land kommt, in dem Tanz und Musik zusammengehören. Der Abend im Konzerthaus bestätigt die Gültigkeit dieses Konzepts auch in unserer Zeit und unserer westlichen Welt.
Nicht weniger mitreißend waren die beiden anderen Reich-Stücke, die die London Sinfonietta im ersten Teil spielte: „Sextet“ (1984/85) und sein berühmtes Werk „Different Trains“ (1988) für Streichquartett und Tonband.
Ein rundum gelungenes Programm, das vom Publikum euphorisch aufgenommen wurde.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 27.03.2006, © www.tanz.at