The Meaning of Life

Nigel Charnocks neues Solo „Frank“, gesehen bei den Tanztagen 06 im Linzer Posthof, ist (auch) eine brillante Satire auf den zeitgenössische Tanz.

Frank, Posthof Linz, 23.03.2006.

Tänzer, Schauspieler, Comedian - Nigel Charnock, das Allround-Talent, nützt auch in seiner neuen Show all seine Assets. „Frank“ nennt er sein alter ego, eine ziemlich verschrobene Gestalt mit New Age Allüren. Er plaudert über Gott und die Welt, faselt von Therapie und will dem Publikum die Bedeutung der Welt und des Lebens erklären – in Anlehnung an Monty Python. Ein Klugscheißer, der immer für alles eine Antwort parat hat, und sei es die falsche. Das fällt weiters nicht auf, hüpft er doch von Thema zu Thema ohne dass das Ganze einen Sinn ergäbe.
Der Sinn der Performance ist Nigel Charnock selbst, sein betörender Tanz, sei es zu Chorälen oder Pop Songs, seine hinreißende Soul Stimme, mit der er einige Gospels singt, sein großartiges Mundharmonika-Spiel und vor allem seine überragende Bühnenpräsenz, mit der er das Publikum buchstäblich überfährt – im wahren Wortsinn, legt er sich doch den Zuschauern auch gelegentlich auf den Schoß oder entreißt ihnen eine Handtasche, deren Inhalt er dann genüsslich zerpflückt.
Das Ergebnis ist eine unterhaltsame One-Man-Show, auch wenn nicht alle Gags treffen. Besonders wenn sie in bemühtem Deutsch kommen. Das ist nett und publikumsfreundlich gemeint, aber der britische Humor spricht einfach englisch.
Mit seinen scheinbar dissoziierten, fragmentierten Aktionen ist Charnock am Puls der Zeit und nimmt gleichzeitig die bierernste zeitgenössische Tanzszene auf den Arm. So wie er eine Idee nach der anderen aufgreift und wieder fallen lässt, so wirft er auch benützte Requisiten achtlos weg, und fügt sich ins heutige Tanzdogma: er zieht sich aus (und behält erfreulicherweise seine Unterhose an) und pinkelt auf den Union Jack (natürlich nicht wirklich). Charnock ist ein Profi und Showman und läuft nicht Gefahr, Bühne mit der Realität zu verwechseln. Eine erfrischende Aufführung von einem der originellsten Performancekünstler, die vom Publikum im beinahe ausverkauften Posthof begeistert aufgenommen wurde.
Apropos Dogma: Wer die Eröffnung der Linzer Tanztage versäumt hat, hat auch die letzte Chance verpasst, „Letters from Tentland“ zu sehen. Wie das Neue Volksblatt (16.3.2006) vermeldet, wurde die Tanzproduktion der deutschen Choreografin Helena Waldmann mit iranischen Frauen auf „Anraten“ der (neuen) iranischen Regierung in Linz das letzte Mal gespielt – Frauen dürfen nämlich in der Öffentlichkeit nicht tanzen. Den Videotrailer gibt es (noch) auf www.lettersfromtentland.com zu sehen.
Doch die Linzer Tanztage 2006 warten noch mit einer Reihe interessanter Gastspiele auf, etwa die Österreich-Premiere von Yasmeen Godder (Israel), die unter anderem zu Musik von PJ Harvey tanzen wird (siehe auch Magazin auf dieser Seite und www.posthof.at)

Edith M. Wolf Perez

Online am: 24.03.2006, © www.tanz.at