Das Genie und der Nachwuchs

Das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper gedenkt in seiner neuen Produktion „Nicht nur Mozart“

Nicht nur Mozart, Volksoper Wien, 16.03.2006.

Die Idee ist bestechend, nämlich ältere, erfolgreiche Stücke mit absolut Unbekanntem zu konfrontieren. Es könnte daraus der Wandel der Zeiten, Moden und choreografischen Zugänge abgeleitet werden.
Dazu verleitet die Programmzusammenstellung beim Abend „Nicht nur Mozart“ an der Wiener Volksoper wenig bis gar nicht, denn zu sehen ist beim Nachwuchs braver, neoklassischer Tanz, der bei der Gegenüberstellung mit Jiri Kyliáns genialen Mozart-Choreografien einfach verblasst.
Den Anfang mache Myriam Naisys „Mokka“. Sie suchte sich für ihre verschiedenen Kaffeespezialitäten die kehlig-erotische Stimme von Paolo Conte und gestaltet dazu eine Nummernabfolge in gymnastischer Manier. Wie dünner Filterkaffee rinnen da die Szenen ohne nennenswerte Höhepunkte vorbei. Viele gespreizte Beine und eine Erotik, die eher das Gürtelmilieu evoziert als Contes bildhafte Musikalität. Das 1988 in Lausanne uraufgeführte Ballett zu drei Conte-Songs wurde mit dem Maurice-Béjart-Preis ausgezeichnet, die Erweiterung auf 9 Stücke hat ihm offenbar nicht gut getan. Man vermisst schmerzlich die Persönlichkeit, die den auftretenden Figuren Profil verleihen können, am Ehesten gelingt das noch den drei pensionierten Tänzerinnen Gabriele Haslinger, Ursula Szameit und Vesna Orlic, die für diesen Anlass (ebenso wie die Herren István Bernáth, Eduard Burnaev, Michael Kropf) auf die Bühne zurückgekehrt sind.
András Lukács hat mit „Tablua Rasa“ seine erste größere Arbeit realisiert, nachdem er sich bisher an Duos und Trios erprobt hatte. Der Halbsolist am Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper wählte zur gleichnamigen Musik von Arvo Pärt einen geometrischen Ansatz. Die Gruppenformationen wirken noch sehr „gestellt“ und die Symmetrie wird durch die wallenden weißen Stoffbahnen der Kostüme verwischt. Viel besser gelingt da schon das Männerduo (Adrian Cunescu, Florian Hurler), das auch den Hauptteil des Stückes darstellt. Sicher hätte es diesem Stück geholfen, wenn die Musik aus dem Orchestergraben statt vom Band ertönt wäre. Das war auch besonders bedauernswert bei den Mozart-Stücken im dritten Teil des Abends. Es stellt sich die Frage, ob Sparen beim Orchester dem Ballett wirklich hilft.
Natürlich ist auch das Risiko hoch, dass gegenüber den witzigen Mozart-Produktionen von Jiri Kylián das Neue auf der Strecke bleibt. Und so ist es denn auch passiert. Denn wieder einmal wurde deutlich, welches choreografisches Kaliber Jiri Kylián vorgelegt hat. Die Gags in „Petite Mort“ (Uraufführung 1991) und „Sechs Tänze“ (1986) haben auch so viele Jahre nach ihrer Entstehung nichts von ihrem pointierten Witz verloren. Die TänzerInnen der Wiener Staatsoper fühlten sich bei diesem Klassiker der Moderne sichtlich in ihrem Element und so gab es an diesem Abend ein schönes Happy End.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 17.03.2006, © www.tanz.at