Tschaikowski-inspiriert |
Dornröschen von Darrell Toulon in Graz bezaubert mit einer spritzig und charmant erzählten Geschichte, der großartigen Ausstattung von Anne Marie Legenstein und dem betörenden Klangkörper der Grazer Philharmoniker |
Dornröschen, Oper Graz, 10.03.2006. |
Das Kind ist krank. Die Eltern holen die Ärzteschaft, Bettruhe wird verordnet, ein Bilderbuch soll dem Kind die Zeit vertreiben - und flux befinden wir uns im Dornröschen-Märchen, in dem das Königspaar so sehnlichst auf Kindersegen hofft. Als es dann endlich klappt, erscheinen -zig Mütter mit Kinderwagen und zelebrieren das Ereignis. Doch die Mutter hat einen Werber Carabosse abgewiesen, nun will er sich mit der Vernichtung der neugeborenen Tochter rächen. Aus ist es mit der Bettruhe das Kind muss eingreifen und das Baby retten. Auch als Carabosse am 14. Geburtstag der Prinzessin Aurora als Freier auftritt, und das Mädchen brutal misshandlet kann nur das Kind (=die Gute Fee) den Tod in einen langen Schlaf verwandeln ... Unter den vielen, guten und bunten Ideen, die es in dieser neuen Interpretation gibt, wird an dieser Stelle das schönste Bild des Abends in Szene gesetzt. Tänzer in langen schwarzen Kleidern und mit meterlangen Dornenfortsätzen an den Händen verweben sich zu einer lebendigen Dornenhecke. Schließlich wird Prinz Desiré vom Kind zu Aurora geführt. Noch einmal versucht Carabosse seine Genugtuung zu bekommen, aber die Gute Fee alias das Kind, macht ihm auch diesmal den Garaus. Erleichtert fallen sich Aurora, Desiré und das Kind in die Arme ein berührender Abschluss der Geschichte am Ende des zweiten Akts. Bis hierher ist das Märchen im Märchen spannend und schlüssig erzählt sowie hervorragend und überzeugend gespielt. Vor allem Young na Hyun spielt die Rolle des Kindes mit Natürlichkeit, Charme und Witz jede Geste wird bei ihr zur Aussage. Michal Zábavik ist als dämonischer Carabosse sexy und verführerisch - die böse Fee, die oft von Männern en travestie gespielt wird, ist in dieser männlichen Verkörperung viel glaubwürdiger. Aber auch die anderen Ensemblemitglieder, die in verschiedenen Rollen zu sehen sind, geben sich von ihrer besten Seite etwa Ana Baca und Tamás Topolánszky als die Eltern des Kindes und William Süll und Natsu Sasaki als Königspaar. Auch wenn Toulons Inszenierung eine zeitgenössische Interpretation ist, hält sie am Märchen fest und versucht keine psychologische Deutung. Immer wieder tauchen ironische Referenzen an das Original auf. So bleibt der dritte Akt auch in dieser neuen Version dramaturgisch durchaus entbehrlich und besteht aus einer Aneinanderreihung von Divertissements nach dem Motto: Wie macht man ein Happy End noch happier. In Toulons Landschaft voller Märchenbücher tauchen die Bremer Stadtmusikanten, Rapunzel, die Hexe und die sieben Zwerge auf (der authentische Zwergengang entsteht durch die Schuhe, die die Tänzer an den Knien tragen köstlich!). Mit dem Wolf er ist Carabosse, der das fröhliche Treiben zu stören versucht, wird zwar versucht, den Handlungsbogen wieder aufzunehmen, dennoch kann sich dieser Akt nicht wirklich in das vorangegangene Geschehen fügen, sondern bleibt als heiterer Aufmarsch der Märchengestalten für sich stehen. Darrel Toulons Stärke erweist sich bei diesem Ballett eindeutig als Geschichtenerzähler (Dramturgie: Birgit Amlinger). Toulon kennt seinen Stoff und hat sich sowohl mit dem Märchen und ihren verschiedenen kulturellen Überlieferungen als auch mit dem Originalballett von Petipa / Tschaikowski intensiv befasst und sich von ihnen inspirieren lassen. Dort, wo es nur um Tanz geht, gibt es Schwächen etwa in den Pas de deux von Prinz Desiré (als Gast: Enrique Gasa Valga) und Aurora (Livia Hyllova). Die Betonung liegt auf der Guten Fee, also dem Kind, dem gegenüber das romantische Paar blass bleibt. (Das kann aber auch an der kurzfristigen Umbesetzung liegen, da sich Abel Cruz dos Santos als ursprünglicher Prinz Desiré kurz vor der Premiere verletzt hat.) Großartig, einfach und wirkungsvoll ist Anne Marie Legenstein die Ausstattung gelungen, von der eleganten Rosenhecke bis zu Grimms bunter Märchenwelt. Puristen wird die Musikdramaturgie, die Toulon für seine Geschichte braucht, vielleicht zu eigenwillig sein. Doch das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung von Richard Wien schwelgt geradezu in Tschaikowskis Melodienreichtum und entfaltet darin einen berauschenden Klangkörper. Noch zu sehen am 16. und 24. März, am 1., 6. und 12. April sowie am 23. und 28. Mai.
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Edith M. Wolf Perez |
Online am: 14.03.2006, © www.tanz.at |