Ihr braucht keine Angst zu haben

Kopergietery mit Shelter, beim Internationalen Festival für ein junges Publikum im WUK

Shelter, WUK, 02.03.2006.

Einsam stehen sie mitten im Gestrüpp, halten sich an den Händen. Hänsel und Gretel. Die Zweige im Wald knacken unheimlich, die Sonne dringt kaum durch das Dickicht. Am sichersten ist es, sich zu verstecken, sich aneinander zu kuscheln, Wärme und Geborgenheit zu finden.
Geheimnisvoll beginnt die Produktion‚“Shelter“ der belgischen Gruppe aus dem Theaterhaus Kopergietery in Gent. Eine Produktion, die sich an jugendliche ZuschauerInnen und Erwachsene wendet, aber von Kindern verwirklicht wird. Das Thema der neun Buben und Mädchen (gemeinsam mit zwei Erwachsenen, einem Mann und einer Frau) ist schnell klar: Allein kann niemand gegen die Angst (nicht nur im finstern Wald) kämpfen, man braucht einander, braucht Wärme und Fürsorge, ein Nest um sich auszuruhen, eine Höhle, um sich zu verbergen, zwei Arme, die einen tragen, zwei Hände, die streicheln. Doch auch ein kollektiver Schrei kann die Gespenster vertreiben.
Nicht nur emotional sondern auch formal bestechend sind die 45 Minuten, in denen die sehr jungen AkeurInnen mit Präzision und konzentriertem Ernst ein dramaturgisch bestens gebautes Stück zeigen. Ein Stück mit rotem Faden ist „Shelter“ natürlich nicht – die Mitwirkenden von Kopergietery erzählen, sie erzählen viel und redlich, aber sie verzichten auf eine durchlaufende Handlung und überflüssiges Geschnatter (sei es mit tatsächlichen Wörtern oder mit Gesten). So ist auch „Shelter“ eine aus dichten Szenen und im Blackout-Verfahren gestellten Bildern zusammengefügte samtene Decke, die sich beruhigend über die Zuschauenden breitet und am Vormittag die erfahrungsgemäß unruhigen oder gelangweilten Jugendlichen (im Klassenverband ins Theater geführt) zu Mäuschen werden ließ, denen kein Mucks entkommt. Die Mittel die Regie und Choreografie (Joke Laureyns & Kwint Manshoven) einsetzen sind einfach: Ein Berg von Ästen und Zweigen, die, von den DarstellerInnen selbst immer wieder neu arrangiert und aufgetürmt, Dekoration, Requisit und Metapher zugleich sind. Keine Szene ist zu breit gewalzt, keine Geste zu deutlich, kein Schritt überflüssig. Das Timing stimmt, die Geometrie stimmt, die Musik stimmt – kurz, einfach alles stimmt und was wir sahen, war gefühlvoll und stilvoll zugleich.
Professionalismus zeigt sich lange, sehr lange vor der Vorstellung und schließt mehr ein als perfektes Training und tänzerisches/darstellerisches Können – die kleinen TänzerInnen sind noch keine Profis, wenn sie denn überhaupt welche werden wollen – zum Beispiel das zu Ende Denken einer Idee, das in die Tiefe Führen eines Gedankens und sicher auch Reduzierung und Beschränkung. Am Mittwoch, 1. März zeigte konnex „Privat– Total aus dem Häuschen“, brauchte eine Menge Material, Musik und Radiostimmen und präsentierte doch nicht mehr als eine Idee, ohne Form und Faden, auch wenn die vier Mitwirkenden an Gummibändern hingen. Den Brei (Konzept, Choreografie, Tanz, Spiel) für die mit altbackenen Lazis und platter Satire garnierte Vorstellung, haben die konnex-Mitglieder gemeinsam gekocht. Die wichtigsten Zutaten dürften nicht im Rezept gestanden sein.

Ditta Rudle

Online am: 03.03.2006, © www.tanz.at