Machtolosigkeit und die Macht der Gefühle |
Ives Thuwis und Yahya Terryn (Kopergietery) inszenierten Brief mit 19 Jugendlichen aus Belgien, Österreich, Deutschland und der Schweiz. |
Brief, WUK, 23.02.2006. |
Scheißkapitalismus! schreit ein Mädchen mit erhobener Faust. Showtime! brüllt ein Kollege. Popmusik hebt an und die 20 Jungs und Mädchen erstürmen mit Elan und Gusto die Bühne, präsentieren sich, machen sich an oder verschleudern einfach ihre Energie aus purer Lebenslust. Doch was anfangs so harmlos, fröhlich und unbeschwert daherkommt soll sich bald wandeln ein Mädchen zählt auf, was sie alles nicht mag, weil es Anderen nicht gefallen könnte. Zum Beispiel baden gehen, weil sie im Bikini vielleicht nicht gut aussieht. Später wird sie sich übrigens selbstbewusst im Bikini zeigen (und sieht natürlich umwerfend darin aus). Bilder von Bush und bin Laden flimmern über den Videoschirm über der Bühne. Ein Mädchen intoniert die französische Hymne und die Gruppe stürmt mit kreuzförmigen Schwertern auf die Bühne der Tanz wird zum Kampf, ein Kampf zwischen Spiel und Ernst und er endet in einer Materialschlacht. In der Ecke ein Stapel Kartons mit aufgeklebten Fotos. Es könnten die Fotos sein, die sich die DarstellerInnen geschickt haben, als sie sich im Vorfeld mittels Briefverkehr auf die Produktion vorbereiteten. Es könnte aber auch aus einem Katastrophenszenario stammen, in dem mit dem Konterfei Vermisste gesucht werden. Jetzt werden die Kartons heftigst in Stücke gerissen. Ein Mädchen vollführt auf den Zehenspitzen einen mühsamen Balanceakt. Ein türkischer Junge erzählt, was sein Traum im Leben ist, man versteht Pele und Maradonna, Mercedes und Volkswagen. Mädchenpaare beim Schmusen. Die drei Jungs zuvor mit sich selbst beschäftigt - sind verblüfft wie reagieren? Immer wieder kommen die DarstellerInnen zum Mikrofon, machen den Mund auf, doch es kommt kein Ton heraus. Eine von ihnen setzt an: I just wanted to tell you .... Aus dem Off: I want to change the world, but I am too young! Die Gruppe formiert zu einem gewaltigen Fall-Tanz. Sie lassen sich fallen, rappeln sich wieder hoch, schmeißen sich wieder auf den Boden die Szene dauert lang, damit es weh tut, auch den Zuschauern ein Mädchen im roten Kleid bleibt stehen und schaut verwundert zu. Das Schlussbild: zwei Zwillingsmädchen eine am Mikrofon, sie stammelt man hört Denmark .... Cartoons ... ihre Schwester vollführt einen Balanceakt auf den Zehenspitzen. Ein Junge mit einer elektrischen Gitarre unterbricht die Szene mit lauten, dissonanten Riffs. Black out. Lange Stille. Schließlich frenetischer Applaus. Beim Hinausgehen sehen wir uns an - wir haben Tränen in den Augen. Die Ehrlichkeit, mit denen diese Kids ihre Gefühle gezeigt haben, geht wahrlich unter die Haut. Ratlosigkeit und Verzweiflung, Wut und Traumatisierung - eine Kriegsgeneration, deren Krieg im Kopf und in Fernsehbildern abläuft, der aber nicht weniger real ist. Sie klagen nicht an, aber verdrängen auch nicht die Konflikte ihrer Generation. Ihre Sprachlosigkeit trifft den Nerv der Zeit, die keine einfachen Antworten parat hat, in der Rationalität oft keinen Ausweg bietet. In ihrer Machtlosigkeit setzten die jungen DarstellerInnen alles auf die Macht der Gefühle.
Highly recommended!
P.S.: Nachdem ich das Stück ein zweites Mal gesehen habe (!) und weiter vorne gesessen bin, ist klar geworden, dass auf den Kartons Fotos von Bush, bin Laden, von Strache und Haider aufgeklebt waren (die über eine Stabkamera auf den Monitor übertragen werden).
Natürlich macht der Schlachtruf "Kill the bastards", mit dem der Karton-Stücke-Reißen aufgerufen wird, auch logischen Sinn.
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Edith M. Wolf Perez |
Online am: 24.02.2006, © www.tanz.at |