Big Brother des Horrors

In ihrem zweistündigen Stück „Replacement“ führt Meg Stuart ihr Gruselkabinett vor, präsentiert vom Tanzquartier Wien in der Halle E im Museumsquartier.

Replacement, Museumsquartier, 19.02.2006.

Sie ist die „Kult-Choreografin“ und als solche umgibt sie eine Aura der künstlerischen Autorität. Daher brachte ihr Besuch dem Tanzquartier Wien auch schöne Auslastungszahlen. Sogar die zweite Vorstellung in der großen Halle E war zu gut drei Viertel voll.

Schon zu Beginn macht das Bühnenbild Eindruck – ein sechseckiger Raum ist in einer runden Stahlkonstruktion auf Rädern gelagert, zuerst beginnt eine Kamera auf einem langen Schwenkarm die Bühne und die sich darauf befindlichen Gestalten auszuleuchten und die Bilder auf einen Videoscreen zu übertragen. Unheimlich gruselig das Ganze.

Ein Darsteller liefert die Erklärung: Er sei eine Testperson in medizinischen Experimenten und das was zur Zeit läuft, sei das schmerzhafteste der sechs Testreihen, die er mitgemacht hätte. Computergenerierte Fotomontagen zeigen die Veränderungen der Versuchspersonen an Gesicht und Körper – monströs und abstoßend.

So entpuppt sich diese Versuchsanordnung wie einer jener Filme aus den 1970er Jahren, in denen messianisch besessene Ärzte ihr manipulatives Unwesen mit Patienten treiben. Auch in Meg Stuarts Theaterstück „Replacement“ geben die Ärzte Regie-Anweisungen an die Versuchspersonen und über zwei Stunden lang wird das Grauen der Verstümmelung vorgeführt – eine Art Big-Brother-Show des Horros.

Was der Software Photoshop mit der Manipulation der Fotos gelingt – nämlich die komplette Veränderung des Erscheinungsbildes vorzuführen, steckt im Bewegungsduktus fest. Stuarts typische, spastische Bewegungssprache wird lediglich noch beklemmender, repetitiver und auswegloser als in ihren früheren Stücken – übrigens von Tanz ist in dieser Show nicht viel übrig geblieben.

Leider wird das Vorführen der Grauslichkeiten auch schon bald fad. Oft gelingt ein guter Einstieg in den Szenenwechsel, doch die Entwicklung bleibt im Banalen stecken. Das Schlussbild, wenn die Versuchspersonen, die ihre Verwandlung zu Zombies mit einer Art von Star-Wars und Marsmännchen-Masken vollzogen haben, ist dann wirklich nur noch ärgerlich. War das Ganze vielleicht als Witz gemeint? Dafür hat allerdings die zwei Stunden davor jeder Hinweis auf einen humoristischen Inhalt gefehlt.

In einer Zeit, in der Organtransplantationen und Schönheitschirurgien tatsächlich Menschen zu Monstern transformieren können, bleibt Stuarts triviale Auseinandersetzung mit dem Thema nicht mehr als eine weitere leere Hülle.

Edith M. Wolf Perez

Online am: 20.02.2006, © www.tanz.at