Filmszenen vertanzt

Innsbruck: Virtuoser Abgang von Jochen Ulrich mit „Buster Keatons Spaziergang“

Buster Keatons Spaziergang, Landestheater Innsbruck, 12.02.2006.

Zusammen mit seinem wirklich glänzenden Ensemble gelang Jochen Ulrich ein brillanter Abgang nach sechs höchst erfolgreichen Jahren als Leiter des Tanztheaters am Tiroler Landestheater.„Buster Keatons Spaziergang“ nach „Drei kurzen Spielen“ von Federico Garcia Lorca kombiniert Film, Theater und Aufbruchsstimmung der Zwanziger/Dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zur Musik von Alberto Iglesias spannend, originell und stilistisch vollendet. Dem ab Herbst dem Ballett Linz vorstehenden Choreografen gelang es in hochexpressiver, dynamischer Tanzsprache sowohl ein intensives Bühnenerlebnis als auch die Zeit des Stummfilms und die Poesie Lorcas zu vermitteln. Sicher, die 1928 entstandenen „Drei kurzen Spiele“ über Keaton („Buster Keatons Spaziergang“, „Die Jungfer, der Matrose und der Student“, „Chimäre“) sind wie Filmszenen geschrieben – sie dementsprechend zu vertanzen, ist eine Herausforderung, der sich alle Beteiligten – Ulrich, Tänzer, Stefan Weinert (Bühne) und Bjanka Ursulov (Kostüme) mit sichtlichem Vergnügen stellten. „Lorca“ wird dabei in unterschiedlich großen Lettern in rotweißrot von den schwarzweiß gekleideten Tänzern über die Bühne der Kammerspiele gerollt, geschoben und lässig beturnt. Mit tollem Understatement tanzt sich der wunderbare Daniel Morales Perez nicht nur durch die Filmgeschichten, sondern vor allem in die Person des ewig ernsten Stummfilmhelden. Fast Millimeterarbeit, technisch und emotionell. Dazu glänzen raffiniert und ebenfalls hochpräsent „Fatty“ (etwas zu aufdringlich: Martin Dvorak) und „Skinny“ (subtil: Dagmar Kostolnikova ) sowie Virginia Lopez Gallo als „Hahn“. Doch ist das ganze Ensemble zu loben, ein Grossteil der TänzerInnen hat Ulrichs Stil fest im Blut, einige werden nach Linz mitgehen. Dort steht am 17.November 2006 der vor zwei Jahren in Innsbruck uraufgeführte „Nussknacker“ auf dem Programm, begleitet vom Bruckner Orchester unter Dennis Russell Davies. „Darauf freue ich mich ganz besonders“ sagt Ulrich, dem in Linz weitere Premieren mit Orchester zugesagt wurden. Da wurde nämlich in Innsbruck gespart, wenn auch die Rückschau insgesamt sehr positiv ist. „Großen Anteil an unseren Erfolgen hier hatte Peter Kubik“ erinnert Ulrich im tanz.at-Gespräch an den nie um attraktive (Orchesterersatz-)Lösungen verlegenen Komponisten, Arrangeur und Cembalisten. In Linz soll es 2007 neben Meryl Tankards „Furioso“ (April) auch ein neues Ulrich-Stück nach Neuer Musik, ebenfalls mit Bruckner Orchester unter Davies, geben.
Nachfolgerin Jochen Ulrichs am Tiroler Landestheater wird die ehemalige Tänzerin und jetzt höchst produktive deutsche Choreografin, Autorin und Regisseurin Birgit Scherzer, Deutschland-Präsidentin des Conseil International de la Danse mit Professur an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst.

Andrea Hein

Online am: 17.02.2006, © www.tanz.at