Im Charme der 1950er Jahre

„Coppélia“, die erste Premiere des fusionierten Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper im Haus am Ring

Coppélia, Wiener Staatsoper, 29.01.2006.

Mit „Coppélia“ hat der Direktor des neuen Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper, Gyula Harangozó jr., auf einen sicheren Tipp gesetzt, denn die Geschichte von Swanilda, Franz und dem Puppenmacher Coppélius ist eines der beliebtesten Stücke der Ballettliteratur. Auch in Wien ist das Ballett in unterschiedlichsten Versionen der meist gespielte „internationale Klassiker“. Wenn der Publikumszuspruch nach der Premiere anhält, könnte es in der Fassung von Gyula Harangozó sen. sogar auf Platz 3 der Wiener Hitliste landen. Soweit zur Statistik.
Harangozó sen. brachte seine „Coppélia“ 1953 im Budapester Erkel-Theater heraus. Diese durchaus eigenständige Fassung legt das Augenmerk auf eine logische Handlung (wobei mit dem Csárdás, dem Gesellentanz und der Mazurka der Divertissement-Charakter doch noch erhalten geblieben ist). Die Musik von Léo Delibes wurde für diese Zielsetzung angepasst und mit Teilen aus anderen Werken ergänzt und teilweise neu instrumentiert.
Deutlich unterscheidet sich diese Fassung von anderen Versionen in der Figur von Coppélius, der hier aller dämonischer Züge entledigt ist. Keine Spur von Seelenklau, um seine Puppen zu beleben, vielmehr ein von seinen mechanischen Kreationen besessener, alter Narr. Dem Puppenmacher haftet als kauzigem Außenseiter ein Flair des Unheimlichen an, aber er entpuppt als harmloser Bastler. Den Trunk, den er Franz beim Eindringen in seine Wohnung anbietet, macht den jungen Mann keineswegs wehrlos, sondern lediglich betrunken (und Tamás Solymosi hat wieder Gelegenheit wie einst als Lescaut in „Manon“ seine Qualitäten in diesem Genre kurz aufblitzen zu lassen).
Im Gegensatz zu quirligen Coppélius, dem Lukas Gaudernak viele Facetten abgewinnen kann, sind die Rollen von Swanilda und Franz recht flach angelegt. Man vermisst spielerische Koketterie, die Eifersucht gerät hier bierernst. Die edle Ballerina Polina Semionova, die vor einigen Wochen in Wien als Giselle überzeugte, scheint für die Rolle der Swanilda überqualifiziert. Auch Solymosi gelingt es nicht, dem Franz Witz zu verleihen.
Der Grundtenor dieser „Coppélia“ ist ein bieder-fröhlicher. Das ganze Dorf hat eine Mordsgaudi, es wird viel Schenkel geklopft und geklatscht. Der Humor baut weniger auf präzises Timing als vielmehr auf Kasperliaden.
Die neue Ausstattung des ungarischen Allround-Künstlers Kentaur und Rita Velich (Kostüme) ist ganz auf die Illusion des 19. Jahrhunderts ausgerichtet - wie man es sich in den 1950er Jahren vorgestellt hat. Die bunten Baumswolldrucke der Mädchenkleidern erinnern an Werbe-Sujets der Nachkriegszeit, während die pastellfarbigen Tutus im letzten Akt eine Art von Zuckerbäckercharme versprühen.
Um Gyula Harangozós Ambitionen einzulösen - „Wir wollten eine ihre Werte und ihren alten Zauber bewahrende, dennoch zeitgemäße Produktion herausbringen“ (Programmheft) - braucht es deutlich mehr Pfiff als bei der Premiere zu sehen war.

Ditta Rudle

Online am: 31.01.2006, © www.tanz.at