Gebremste Aggressionen

Die Cie. Willi Dorner zu Gast im Tanzquartier

404, Tanzquartier Wien, 20.01.2006.

Sieben Tänzerinnen im leeren Raum. Sie sind über die Treppen der Zuschauertribüne herunter gekommen, der Gitarrist (Martin Philadelphy) hat sie mit Vornamen genannt. Vier Frauen (Chloé Attou, Karmit Burian, Heide Kinzelhofer, Holly Warren), drei Männer (Jarek Cemerek, Martin Dewez, David Zagari) stehen, schauen, umkreisen einander, rempeln, schubsen, wechseln die Partnerin, den Partner, verknoten sich ineinander, sitzen am Rand und schauen einem Zweikampf zu, liegen entspannt übereinander, raffen sich wieder auf, um neuerlich Kontakt zu suchen, locken mit deutlichem Augenspiel, stoßen ab mit Armen und Beinen. Doch nicht heftig genug, um ernst genommen zu werden. Die Bewegungen bleiben in der Choreografie stecken, nett anzusehen, der Blutdruck steigt nicht. Spannend wird es, wenn sich im Duo oder Trio die Gliedmaßen verwirren, wenn drei (zwei) Körper zu einem verschmelzen. Wem gehört das Bein? Ein Rätselspiel, gehemmt und geregelt, mit kaltem Blut geformt. Als Lösung kann ich mir alles (Mögliche) denken oder auch nichts.
Manchmal ist es dunkel, manchmal ist die Bühne hell erleuchtet, doch Philadelphy gibt nicht auf; die Komposition von Heinz Ditsch, aufgepeppt mit Walkürenritt und Filmmusikdramatik samt Hubschraubergeräusch, ist nie endend, wie auch die Bewegungen der sieben Körper. Philadelphy schlägt heftig in die Saiten, die Körper knäueln sich ineinander: Anziehung und Abstossung eine Endlosschleife. Die Musik findet keine Verbindung zu den Körpern, die Körper haben nichts mit Gitarrenklängen und Samplerrauschen zu tun. Die Aggression, wenn die Verschlingungen und Abstoßungen der Körper denn eine darstellen soll, bleibt im formal Ästhetischen stecken, bricht nicht wirklich aus, findet weder Höhepunkt noch Erlösung. Brav verlassen die Sieben die Bühne, der Gitarrist bleibt noch ein wenig, lässt seinen letzten Ton elektronisch verstärkt im Raum schweben. Dann gibt auch er auf.
„404“ der Titel soll an die Error-Seite im Internet erinnern, der Fehlercode bedeutet „dass die gewünschte Seite nicht auffindbar und keine Verbindung möglich ist“. Vielleicht ist es das: Keine Verbindung möglich. Auch nicht zwischen den bewegten Körpern auf der Bühne und den bewegungslosen im Zuschauerraum.

Ditta Rudle

Online am: 23.01.2006, © www.tanz.at