Rote Engel tanzen Tango

Argentinischer Lufttanz im Festspielhaus St. Pölten

Brenda Angiel Aerial Dance Company , Festspielhaus St. Pölten, 21.01.2006.

Die argentinische Tänzerin und Gründerin der Aerial Tanzkompanie hat den Lufttanz – Aerial Dance – erfunden. Die Körper der TänzerInnen sind mit Gurten und Seilen an Bungee-Leinen gehängt und können sich so frei schwebend im Raum bewegen oder auch kopfüber aus dem Himmel auf die Erde stürzen. Sie tanzen auf (sic) der senkrechten Wand, sodass die ZuschauerInnen meinen, die Welt wäre um 90 Grad gekippt und den Kopf schief halten müssen, um nicht schwindlig zu werden. Die TänzerInnen aber lassen auch im rasantesten Flug keinen Schwindel erkennen, ihre Sehnsucht, die Sehnsucht aller TänzerInnen, hoch über dem Irdischen zu schweben und die Schwerkraft aufzuheben, ist nahezu erfüllt. Nur Engel tanzen den Tango in der Luft.
Für den ersten Auftritt ihrer Compagnie in Österreich hat Brenda Angiel ein gemischtes Programm aus neuen und älteren Stücken mitgebracht, um das gesamte Spektrum ihrer luftigen Choreografien zu zeigen. Dass bei einer argentinischen Truppe der Tango nicht fehlen darf, ist klar und so begeisterte auch „South, Wall and After“ zur Musik von Astro Piazzolla besonders. Wunderschön auch ein Pas des deux – besser gesagt Vol (Flug) des deux – als Lufttango schwebend getanzt. Auch wenn es scheint, dass die federnden Seile immer wieder vergessen werden (von der Choreografin, von den TänzerInnen, vom Publikum), so sind die Grenzen der Bewegung doch deutlich spürbar – während sich der Aktionsradius in die dritte Dimension überraschend erweitert hat, ist das Lexikon der Tanzvokabel erheblich schmaler geworden. Auch der Lufttanz hat seine Grenzen.
Die Aerial Dance Company reist mit der eigenen Rockformation an, die mit Vehemenz und eigenen Kompositionen ihren Platz im Ensemble lautstark behaupten und durch den Geräuschterror oft das Vergnügen an den schwebenden Bildern deutlich mindern. Obwohl die Choreografin sich mit ihrem Lufttanz nicht von den allgemeinen Regeln des Bühnentanzes abgrenzen will, greift sie doch nach Weichmachern wie extensive Lichtspiele, Nebelmaschinen und Videoeinblendungen, die zwar die Stücke unterhaltsam und leicht konsumierbar machen, jedoch die abstrakten Körpergrafiken verschwimmen lassen und die perfekte Körperbeherrschung der LufttänzerInnen überlagern. Wenn die roten Engel quer über die Bühne schweben, sich begrüßen und wieder trennen, braucht es kein buntes Licht und keinen Nebel, um das schöne Spektakel zu genießen.

Ditta Rudle

Online am: 23.01.2006, © www.tanz.at